Das Museum “BIBUŁA” – Tajna Drukarnia Józefa i Marii Piłsudskich (Geheime Druckerei von Józef und Maria Piłsudski) ist ein ganz besonderer Ort in Łódź. Der Name “Bibuła” war in der Zeit der Teilungen Polens ein gängiger Deckname für illegale Untergrundschriften. Als ich von der Geschichte dieses Ortes hörte, dachte ich sofort an einen Spionagethriller aus der Zeit der vorletzten Jahrhundertwende. Aber es ist eine wahre Geschichte!
Ein Leben im Untergrund von Łódź
Im Herbst 1899 zogen der spätere polnische Staatschef Józef Piłsudski und seine Frau Maria in eine Wohnung im ersten Stock eines Mietshauses in der Wschodnia-Straße in Łódź. Da sie von den russischen Behörden gesucht wurden, lebten sie dort unter dem falschen Namen Dąbrowscy. Józef gab sich nach außen hin als Anwalt aus.

Ihr eigentlicher Auftrag war jedoch hochgefährlich: Sie richteten im Auftrag der Polnischen Sozialistischen Partei (PPS) eine geheime Druckerei ein. Die illegale Publikation wurde im konspirativen Jargon als “Bibuła” bezeichnet. Das bedeutete wörtlich Löschpapier, stand aber als allgemeines Codewort für alle Schriften, die von der zaristischen Zensur verboten wäre. Das laute, geschäftige und von Fabriken geprägte Umfeld der Industriestadt Łódź bot die perfekte Tarnung für den Lärm der schweren Druckmaschinen, die man geschickt aufstellte, um verräterische Vibrationen im Gebäude zu vermeiden.
Kampf mit dem Wort: Der “Robotnik”
Der “Robotnik” (Der Arbeiter) erschien erstmals am 12. Juli 1894. Es war ein kleines, unauffälliges Heftchen von 10 Seiten im Format 22 mal 14 Zentimeter. Nachdem der erste Chefredakteur im Sommer 1894 verhaftet wurde, übernahm Józef Piłsudski (unter dem Decknamen „Wiktor“) die Leitung. Er schrieb nicht nur die Texte, sondern stand oft selbst den Großteil des Tages an der Druckerpresse.

In ihrer Wohnung redigierten, druckten und verpackten die Piłsudskis die illegale Zeitung. Diese wurden nicht nur heimlich an die Fabrikarbeiter in Łódź verteilt, sondern über ein komplexes Netzwerk von Schmugglern im gesamten polnischen Gebiet weitergereicht. Die erste Łódźer Ausgabe hatte eine Auflage von 1.200 Exemplaren. Das Drucken auf der schweren Maschine war mühselig und dauerte fast zwei Wochen. Später stieg die Auflage der illegalen Schrift auf 1.600 Stück.

Die Enttarnung durch die Geheimpolizei und eine filmreife Flucht
Die konspirative Arbeit in Łódź dauerte nur wenige Monate. In der Nacht zum 21. Februar 1900 flog die Druckerei auf und wurde von der zaristischen Geheimpolizei (Ochrana) gestürmt. Die Polizei fand die schwere Druckmaschine der englischen Marke Model und frisch gedruckte, noch feuchte Seiten der 36. Ausgabe des “Robotnik”. Józef und Maria wurden verhaftet.

Die Hauptgründe für die Enttarnung waren:
- Auffällige Mengen: Um eine Auflage von weit über 1.000 Exemplaren zu drucken, benötigten die Piłsudskis riesige Mengen an Papier. Der Kauf und vor allem der Transport dieser Papiermassen durch die Stadt waren extrem schwer zu verbergen.
- Die verhängnisvolle Lieferung: Die Ochrana hatte Informanten im Umfeld der Polnischen Sozialistischen Partei (PPS) und überwachte Verdächtige genau. Den Agenten gelang es, die Spur einer großen Papierlieferung, die in Warschau gekauft worden war, bis nach Łódź und schließlich direkt zu der Wohnung in der Wschodnia-Straße zu verfolgen.
- Verfolgte Kuriere: Ein weiterer entscheidender Faktor war die Beschattung von Parteimitgliedern. Die Geheimpolizei folgte PPS-Kurieren, die Materialien zur Druckerei brachten oder fertige Ausgaben abholten.

Józef Piłsudski wurde in den berüchtigten X. Pavillon der Warschauer Zitadelle gebracht und später in ein Gefängnis nach Sankt Petersburg verlegt. Dort simulierte er mit Hilfe befreundeter Ärzte erfolgreich eine Geisteskrankheit, wurde in eine psychiatrische Klinik verlegt und entkam 1901 in einer filmreifen Flucht.

Der “Robotnik” war für die Unabhängigkeitsbewegung entscheidend, weil er die sozialen Rechte der stark ausgebeuteten Arbeiter geschickt mit dem Traum von einem freien, unabhängigen Polen verknüpfte. Nach der Wiedererlangung der polnischen Unabhängigkeit 1918 wurde der einstige “Bibuła”-Druck zu einer völlig legalen Tageszeitung.
Das Museum heute: Geschichte trifft auf Augmented Reality
Der Eingang zum Museum ist ein unscheinbarer Hauseingang. Nur eine Tafel weist darauf hin, dass sich hier ein Museum befindet.


Während der kommunistischen Zeit wurden die historischen Räume als normale Kommunalwohnung genutzt. Erst 1981 durfte zumindest eine Gedenktafel an der Fassade angebracht werden. Erst in den letzten Jahren hat man begonnen hier ein modernes multimediales Museum aufzubauen und es schließlich 2024 eröffnet. Es war nicht einfach, da fast nichts mehr in dieser Wohnung an die Zeit als heimliche Druckerei erinnerte. Exponate mussten mühsam “zusammengesucht” werden.

Ich hatte vor unserem Besuch dort noch nie etwas von “Robotnik” gehört und konnte so vollkommen unvoreingenommen die kleinen Räume der Wohnung betreten. Ein bißchen Sorge schwang jedoch mit. Wie sollte dieses Thema jemandem vermittelt werden, wenn “nur” Fotos und wenige Exponate zu sehen würden.
Es stellte sich schnell heraus, die Sorge war vollkommen unbegründet. Die klassische Ausstellung wird durch Augmented Reality (AR) ergänzt. Wir erhielten ein Tablet, machten einen Probescan an einem Foto und tauchten dann in die Geschichte (wird in polnisch und englisch angeboten) ein. Mit Hilfe des Tablets wurden Bilder lebendig, wir erlebten die Protagonisten der damaligen Zeit und erfuhren von ihrem Leben im Verborgenen. Es war so spannend, dass ich kaum merkte, wie die Zeit verging. Nach etwa 40 Minuten hatte ich eine wahre Kriminalgeschichte erlebt, die so wirklich nur das Leben schreiben kann.

Besucherinformationen
Adresse
Museum “BIBUŁA” – Tajna Drukarnia Józefa i Marii Piłsudskich
Wschodnia 19,
90-001 Łódź, Polen
Öffnungszeiten
Mittwoch- Freitag: 9 – 17 Uhr
Samstag, Sonntag: 11 – 16 Uhr
Eintrittspreise
Regulär: 11 PLN
Jeden Mittwoch ist der Eintritt in die Dauerausstellung kostenlos! Ein Gratisticket muss jedoch an der Kasse oder online gebucht werden.
Der Besuch fand im Rahmen einer Pressereise mit Łódzka Organizacja Turystyczna statt.
Veröffentlicht: 9. Oktober 2026
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