Mitten im Herzen Antwerpens erhebt sich ein majestätisches Bauwerk, dessen Turm den Himmel zu berühren scheint: die Liebfrauenkathedrale oder auf Niederländisch die “Onze-Lieve-Vrouwekathedraal”.
Die Liebfrauenkathedrale ist ein herausragendes Beispiel der Brabanter Gotik, einer speziellen Variante der Gotik, die in der Region des ehemaligen Herzogtums Brabant (heute Teile Belgiens und der Niederlande) entstanden ist.

Geschichte einer Gigantin: Von der Kapelle zum UNESCO-Welterbe
Im 10. Jahrhundert stand hier, wo heute die Kathedrale thront, eine bescheidene Marienkapelle. Doch Antwerpen wuchs und entwickelte sich zur wichtigen Handelsstadt. Die Bewohner wollten ein Gotteshaus, das ihren wachsenden Reichtum und Frömmigkeit widerspiegelte.
Nachdem die Kirche 1124 den Rang einer Pfarrkirche erhielt baute man sie in der Folgezeit zu einer größeren, romanischen Kirche aus.
Um 1352 begann man mit einem ehrgeizigen Projekt: dem Bau einer riesigen Kathedrale! Es sollte eine Kirche werden, die Platz für Tausende bot und deren Türme weithin sichtbar waren. Die Bauherren setzten auf den damals modernsten Stil: die Gotik. Also hohe, schlanke Säulen, riesige Fenster, die das Licht hereinlassen, und filigranes Steinwerk – alles, um den Blick zum Himmel zu lenken.

Ein Jahrhundertprojekt: Der Bau des 123 Meter hohen Nordturms
Der Bau der Kathedrale war ein Mammutprojekt. Maurer, Steinmetze und Handwerker arbeiteten unermüdlich. Das Mittelschiff und Seitenschiffen wurden nach und nach fertig gestellt. Auch der Nordturm erreichte die gewünschte Höhe. Mit über 123 Metern war er damals einer der höchsten Türme der Welt! Es gab sogar Pläne für einen Südturm, der noch höher werden sollte, doch dieser wurde nie vollendet. 1521 wurden die Bauarbeiten plötzlich eingestellt.

Bei einem Brand 1533 wurde die Kirche stark beschädigt. In der Folgezeit bauten die Antwerpener sie wieder auf. Mit der Gründung des Bistum Antwerpen im Jahr 1559 wurde die Kirche zur Kathedrale erhoben.
Turbulente Zeiten: Bildersturm und barocker Wiederaufbau
Im 16. Jahrhundert breitete sich die Reformation in Europa aus. Die Spannungen zwischen Katholiken und Protestanten führten zu dramatischen Ereignissen.
Im Jahr 1566 ereignete sich der sogenannten “Beeldenstorm” (Bildersturm). Protestanten stürmten Kirchen, darunter auch die Liebfrauenkathedrale, und zerstörten zahlreiche Kunstwerke und Altäre. Es war ein herber Schlag für die Kathedrale und ein trauriges Kapitel ihrer Geschichte. Ab 1581 war Antwerpen protestantisch, was zur weiteren Vernichtung und zum Verkauf unschätzbarer Kunstwerke führte.

Nach den Zerstörungen folgte der Wiederaufbau. Im 17. Jahrhundert erlebte die Kathedrale eine neue Blütezeit. Berühmte Künstler wie Peter Paul Rubens, der in Antwerpen lebte und arbeitete, schufen prächtige Altarbilder für die Kathedrale. Seine monumentalen Werke wie “Die Kreuzabnahme” oder “Die Himmelfahrt Mariens” sind heute die größten Schätze der Kathedrale und ziehen Besucher aus aller Welt an.
Revolutionen, Kriege und die Bewahrung des Erbes
Die folgenden Jahrhunderte brachten weitere Herausforderungen. Die Französische Revolution Ende des 18. Jahrhunderts führte zur Beschlagnahmung von Kircheneigentum und dem Diebstahl einiger Kunstwerke. Im Zweiten Weltkrieg entging die Kathedrale glücklicherweise größeren Zerstörungen.

Heute ist die Liebfrauenkathedrale einer der Höhepunkte der Brabanter Gotik. Der Turm steht seit 1999 auf der UNESCO Weltkulturerbeliste.
Was macht die Brabanter Gotik so besonders?
Die Liebfrauenkathedrale ist ein Meisterwerk der Brabanter Gotik. Sie zeichnet sich durch den beeindruckenden, schlanken Einzelturm, die weiten und lichtdurchfluteten Innenräume und das sichtbare, statisch geniale System von Strebebögen aus.
Das auffälligste Merkmal ist der einzelne, sehr hohe Nordturm. Im Gegensatz zu vielen anderen Kathedralen, die zwei gleich hohe Türme haben, wurde der Südturm nie vollendet. Dieser unvollendete Zustand ist tatsächlich zu einem charakteristischen Merkmal geworden.

Der Turm ist extrem schlank und wirkt, als würde er sich in den Himmel schrauben. Er ist in mehreren Etagen aufgebaut, die immer leichter und filigraner werden. Gekrönt ist der Turm von einer eleganten Turmspitze.
Die einzige siebenschiffige Kirche ihrer Art
Die Kathedrale hat einen klassischen Kreuzgrundriss. Das bedeutet, sie hat ein langes Hauptschiff, das von Seitenschiffen flankiert wird. Die Liebfrauenkathedrale ist die einzige siebenschiffige gotische Kirche mit Querhaus und Umgangschor mit Radialkapellen. Ein bemerkenswertes Bauwerk, dass 117 m lang und innen 40 m hoch ist. Insgesamt findet man 125 Pfeiler.
Die Brabanter Gotik durch eine bemerkenswerte Helligkeit und Weite im Innenraum ausgezeichnet. Die großen Fenster lassen viel Licht herein. Man merkt, dass hier versucht wurde, den Innenraum so lichtdurchflutet wie möglich zu gestalten.

Rundgang durch die Liebfrauenkathedrale in Antwerpen
Beim Kauf der Eintrittskarten werden wir auf die Möglichkeit einer kostenlosen Führung angesprochen. Eigentlich wollte ich ablehnen, aber diese Führung sollte auf deutsch stattfinden und ein netter älterer Herr wartete auf Teilnehmer. Wir waren an diesem Tag die einzigen interessierten Besucher und bekamen wir eine private Führung durch den wunderschönen Kirchenbau. Die kostenfreien Führungen werden von ehrenamtlichen Gemeindemitgliedern durchgeführt (in deutsch zum Beispiel samstags um 11 und 15 Uhr) und dauern etwa 45 Minuten.
Ich habe mich sehr über die Erklärungen zur Geschichte der Kirche gefreut. So haben wir zum Beispiel erfahren, dass viele Kunstgegenstände aus anderen Kirchen stammen. Zum Teil gibt es diese Kirchen heute nicht mehr und ihre Kunstschätze konnten so einen würdigen neuen Platz finden.
Die Schätze der Kathedrale: Peter Paul Rubens erleben
Die Liebfrauenkathedrale in Antwerpen beherbergt vier der bedeutendsten Werke des flämischen Barockmalers Peter Paul Rubens. Diese Gemälde sind künstlerisch herausragend und von großer historischer Bedeutung.Die Kreuzabnahme und Mariä Himmelfahrt befinden sich noch an ihrem ursprünglichen Ort, für den sie geschaffen wurden.
Rubens Werke in der Antwerpener Kathedrale zeichnen sich durch ihre barocke Dramatik, starke Emotionen, dynamische Kompositionen und eine meisterhafte Beherrschung von Licht und Schatten aus.
Die Kreuzaufrichtung (1609-1610)
Dieses monumentale Triptychon (ein dreiteiliges Altarbild) ist eines der bekanntesten Werke Rubens. Es besteht aus einer Tafel 460 cm × 340 cm und einer Seitentafel 460 cm × 150 cm. Es zeigt die Aufrichtung des Kreuzes auf Golgatha.

Rubens inszeniert das Geschehen bühnenwirksam, wobei die Figuren mit kräftigen Muskeln und leidenschaftlichen Ausdrücken dargestellt sind. Das Breitwandformat erstreckt sich über die Mitteltafel hinaus auf die beiden Flügel, wodurch eine durchgehende Szene entsteht.
Ursprünglich wurde das Bild für die St. Walburgiskirche gemalt und kam erst 1816 die Kathedrale.
Die Kreuzabnahme (1612)
Dieses Werk ist ebenfalls ein Triptychon und eines der berühmtesten Bilder von Rubens. Es stellt die Herabnahme des Leichnams Christi vom Kreuz dar.

Die Komposition ist dynamisch und emotional.Der herabgleitende Leichnam ist vor einem düsteren Hintergrund dargestellt. Acht Figuren sind um den Körper Jesu bemüht.
Der linke Flügel zeigt die Heimsuchung Marias (die schwangere Maria besucht ihre Kusine Elisabeth), der rechte Flügel die Darbringung Jesu im Tempel.
Das Bild wurde im Auftrag der Schützengilde erstellt.
Mariä Himmelfahrt (1626)
Dieses große Altarbild (Tafel 490 cm × 325 cm) befindet sich über dem Hauptaltar der Kathedrale und wurde lange Zeit als Ersatz für das Altarbild verwendet. Es zeigt, wie Maria von einem Chor aus Engeln in einer spiralförmigen Bewegung in den Himmel erhoben wird, umgeben von Licht und Herrlichkeit. Um ihr leeres Grab sind die Apostel versammelt.

Die Auferstehung Christi (1612)
Dieses Gemälde (Mitteltafel 138 cm × 98 cm, Seitentafel 136 cm × 40 cm) wurde für das Grab der Familie Plantin Moretus angefertigt. Es soll zum Gedenken an die Verstorbenen anregen und zeigen, dass die ewige Liebe Gottes unaufhaltsam ist und den Tod überwindet.

Es gibt noch mehr zu sehen!
Neben den berühmten Rubens-Gemälden befinden sich in der Liebfrauenkathedrale in Antwerpen noch eine Reihe weiterer bedeutender Kunstwerke.
Es gibt Gemälde von Künstlern wie Otto van Veen (Rubens’ Lehrer), Jacob de Backer und Marten de Vos zu sehen. In den letzten Jahren gab es auch Ergänzungen durch zeitgenössische Kunstwerke. Ein Beispiel dafür ist die Bronzeskulptur “Der Mann, der das Kreuz trägt” (The Man Who Bears the Cross, 2015) des Antwerpener Künstlers Jan Fabre. Diese moderne Skulptur, die einen Mann zeigt, der ein großes Kreuz in der Hand balanciert.


Mich hat das kunstvoll geschnitzte Chorgestühl begeistert. Die Kanzel von Michiel van der Voort (1713) gehört für mich zu den weiteren Highlights. Diese beeindruckende Barockkanzel aus Holz ist ein Meisterwerk der Bildhauerkunst. Sie stammt ursprünglich aus der Abtei von St. Bernardus in Hemiksem und wurde später in die Kathedrale gebracht. Die Kanzel ist reich verziert mit allegorischen Figuren, die die vier Evangelisten und die vier damals bekannten Erdteile symbolisieren.

Die Kathedrale ist der Jungfrau Maria geweiht. So findet man im gesamten Gebäude Mariendarstellungen in verschiedenen Stilen und Materialien (Marmor, Stein, Holz) aus unterschiedlichen Epochen. Mir ist besonders die “Schöne Madonna” mit Kind aus dem 14. Jahrhundert (um 1330-1340) aufgefallen.
Mein besonderes Augenmerk gilt in den Kirchen den Fenstern. Manchmal sind sie recht unspektakuär. In der Liebfrauenkirche erzählen viele Fenster eigene Geschichten.

So gibt es zum Beispiel ein Fenster dass die Vermählung von Philipp dem Schönen (Philipp I. von Kastilien) mit Johanna von Kastilien (genannt “die Wahnsinnige”, Tochter der Katharina von Aragón) zeigt. Es ist eines der großen Fenster im Querschiff der Kathedrale und stellt einen wichtigen Moment der Habsburgergeschichte dar. Die Hochzeit im Jahr 1496 in Lier war ein Schlüsselereignis, das die Grundlage für das riesige Habsburgerreich legte. Dieses Fenster ist deshalb so bemerkenswert, weil es nicht direkt eine biblische Szene oder einen Heiligen darstellt, sondern ein historisches Ereignis von großer politischer Tragweite, das für die flämischen Gebiete und damit auch für Antwerpen von immenser Bedeutung war.

Das große Kuppelgemälde in der Vierung der Liebfrauenkathedrale in Antwerpen zeigt die Mariä Himmelfahrt. Dieses monumentale Werk wurde von Cornelis Schut (1597-1655) geschaffen, einem bedeutenden flämischen Maler, der ein Schüler von Peter Paul Rubens war. Für mich ist es immer sehr erstaunlich, wie die Künstler diese Werke so hoch oben malen konnten. Hier erfahre ich, dass das Gemälde auf dem Boden gemalt worden ist und dann in die Kuppel hochgezogen wurde.

Geheimtipps für den Besuch: “De Plek” und Kathedralenbier
Nachdem die wirklich tolle Führung beendet und meine unzähligen Fragen beantwortet waren, streiften wir noch einige Zeit durch die Liebfrauenkathedrale in Antwerpen. In aller Ruhe betrachteten wir die Bilder und genossen die angenehme Atmosphäre.
Schließlich zog es uns ins “De Plek”. In der ehemaligen St.Johanniskapelle hinter der Sakristei befindet sich heute ein Café. Hier können die Besucher der Kirche zum Beispiel einen Kaffee genießen. Etwas ganz besonderes ist das Kathedralenbier, dass man hier bekommt. Es gibt zwei verschiedene Biere, Kathedraal Blonde (Aurora) und Kathedraal Dark (Memento).
Ein toller Besuch, in einer wunderschöne Kathedrale, der nicht nur für Fans von Rubens sich lohnt!

Besucherinformationen
Adresse
Groenplaats 21,
2000 Antwerpen, Belgien
Öffnungszeiten
Wochentage: 10 – 17 Uhr
Samstag: 10 – 15 Uhr
Sonntag: 13 – 17 Uhr
Es kann aufgrund von Veranstaltungen zu geänderten Öffnungszeiten kommen.
Das Kirchenbistro ist geöffnet:
Samstag: 11 – 15 Uhr
Sonntag: 13 – 17 Uhr
Eintrittspreise
Erwachsener: 12,00 €
Kostenlose Führungen werden zu bestimmten Uhrzeiten angeboten! Einfach an der Kasse nach dem nächsten Termin fragen!
Barrierefreiheit
Die Kathedrale und das Bistro De Plek sind für Rollstuhlfahrer zugänglich. Das Ambulatorium und die Kapellen sind über Rampen erreichbar.
Der Hochaltar, die archäologischen Stätten der Garten und der Turm sind nicht mit Rollstühle zugänglich.
Rollstuhlgerechte Toiletten sind vorhanden.
Es werden Audiobeschreibungen der Werke von Rubens und der wichtigsten Highlights angeboten.
Blindenhunde dürfen mit in die Kirche gebracht werden. Es steht ein Tastmodell der Kathedrale zur Verfügung.
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