Die Friedenskirche “Zum Heiligen Geist” im niederschlesischen Jawor (Jauer) ist ohne Zweifel eine der größten und faszinierendsten Holzkirchen Europas. Wenn man sich ihr nähert, wirkt sie von außen im ersten Moment gar nicht wie ein klassischer Kirchenbau, würde nicht ein unscheinbarer Kirchturm auf die sakrale Funktion des Gebäudes hinweisen, könnte man sie fast für eine riesige, historische Scheune halten. Die Kirche liegt malerisch eingebettet in eine parkähnliche Anlage, den sogenannten Friedenspark, knapp außerhalb des historischen Stadtzentrums von Jawor.
Als ich zum ersten Mal vor diesem ungewöhnlichen Fachwerkbau stand, drängte sich mir sofort eine Frage auf: Wie kommt es zu dieser einzigartigen, fast schon provisorisch anmutenden Bauweise? Die Antwort darauf ist eine Geschichte von Unterdrückung, tiefem, unerschütterlichem Glauben und schlichtweg genialer Handwerkskunst, die dem Bauwerk völlig zu Recht den Titel als UNESCO-Weltkulturerbe einbrachte.

Eine Baugenehmigung mit scheinbar unmöglichen Hürden
Als 1648 der Westfälische Friede den Dreißigjährigen Krieg beendete, stand die protestantische Bevölkerung im katholisch regierten Schlesien vor dem Nichts. Ihre Kirchen wurden beschlagnahmt oder zerstört, die freie Religionsausübung massiv eingeschränkt. Erst auf diplomatischen Druck des protestantischen Schwedens gab der Kaiser nach. Er erlaubte den schlesischen Protestanten den Bau von drei Gotteshäusern, den sogenannten Friedenskirchen in Glogau, Jauer und Schweidnitz.
Ein Grund zur Freude? Nur bedingt. Denn diese Erlaubnis war an knallharte Schikanen und scheinbar unerfüllbare Auflagen geknüpft, die den Bau eigentlich verhindern oder zumindest sabotieren sollten:
- Verbotene Materialien: Die Kirchen durften nicht aus Stein oder Ziegeln gebaut werden. Erlaubt waren nur vergängliche Materialien: Holz, Lehm, Stroh und Sand.
- Keine weithin sichtbaren Zeichen: Sie durften keine Türme und keine Glocken besitzen.
- Der Standort: Die Kirche musste außerhalb der Stadtmauern errichtet werden und zwar exakt in “Kanonenschussweite” vor den Toren. So hätte man sie im Verteidigungsfall schnell zerstören können.
- Die Frist: Die Bauzeit durfte ein Jahr nicht überschreiten.
Ein Meisterwerk der Zimmermänner: Der Wettlauf gegen die Zeit
Die verarmte Bürgerschaft von Jawor stand vor einer Mammutaufgabe. Um überhaupt das Geld für dieses ehrgeizige Projekt aufzutreiben, reisten Delegierte zwei Jahre lang unermüdlich durch protestantische Länder in Nordeuropa und sammelten Spenden.
Mit dem Entwurf der Kirche wurde der Breslauer Architekt Albrecht von Saebisch betraut. Die technische Umsetzung leitete der einheimische Zimmermann Andreas Gamper. Um die kaiserlichen Auflagen zu erfüllen und dennoch Platz für Tausende Gläubige zu schaffen, setzten sie auf die Fachwerkbauweise.

Am 14. April 1655 konnte der Grundstein gelegt werden. Innerhalb von nur wenigen Monaten zogen die Zimmerleute ein gigantisches Holzskelett in die Höhe. Die Gefache wurden geschickt mit einem Gemisch aus Stroh und Lehm ausgefüllt. Bereits Ende September 1655 stand das Dach, und am vierten Advent desselben Jahres wurde die Kirche in einem emotionalen Gottesdienst feierlich geweiht. Die strenge Ein-Jahres-Frist hatte man tatsächlich problemlos eingehalten!
Der Schritt ins Innere: Ein barocker Bilderrausch
Nachdem ich die Geschichte hinter der Fassade kannte, zog es mich natürlich unweigerlich in das Innere der Friedenskirche. Die ungewöhnliche Entstehungsgeschichte hatte meine Erwartungen hochgeschraubt, doch auf das, was mich im Kirchenschiff erwartete, war ich schlichtweg nicht vorbereitet. Der Anblick raubte mir förmlich den Atem.
Obwohl das Gebäude von außen so schlicht wirkt, wird man im Inneren von prachtvollstem, leuchtendem Barock geradezu überwältigt. Fast jede freie Holzfläche im Raum ist kunstvoll bemalt. Um diese Eindrücke auf mich wirken zu lassen, musste ich mich erst einmal auf eine der alten Holzbänke setzen.

Tipp für Besucher: Auf Anfrage wird im Kirchenschiff eine hervorragende Tonband-Präsentation abgespielt (Dauer je nach Sprache 10–17 Minuten), die die faszinierende Geschichte und die Besonderheiten der Architektur im Detail erklärt. Dieser Service wird in einer beeindruckenden Vielfalt an Sprachen angeboten: Polnisch, Deutsch, Englisch, Niederländisch, Portugiesisch, Italienisch, Russisch, Schwedisch, Französisch, Japanisch und Spanisch.
Clever gebaut: Platz für 5.500 Menschen
Da die Grundfläche der Kirche durch die kaiserlichen Auflagen begrenzt war, bauten die Handwerker in die Höhe. Der Innenraum wird von vier Stockwerken mit Emporen umschlossen, die sich wie Zuschauerränge in einem barocken Theater um das Hauptschiff ziehen. Durch diese clevere Konstruktion bot die Kirche Platz für rund 5.500 Gläubige (davon ca. 2.500 Sitzplätze). Die Logen auf den Rängen waren historisch genau nach Ständen und Berufen aufgeteilt – so hatten die reichen Adligen und die mächtigen Zünfte ihre eigenen, besonders prachtvoll verzierten Plätze.

Eine riesige Bilderbibel aus Holz
Die Brüstungen der Emporen dienen dem Betrachter heute als eine gigantische Bilderbibel. Über 150 monumentale Gemälde schmücken die Ränge. Gezeigt werden Szenen aus dem Alten und Neuen Testament, kunstvolle allegorische Darstellungen sowie wunderschöne Landschaften und die Wappen jener lokalen Adelsfamilien, die den Bau damals finanziell unterstützt haben.

Auch die Decke zieht den Blick magisch nach oben: Sie ist mit großen, farbenfrohen Gemälden verziert, die unter anderem die Himmelfahrt Christi und die Offenbarung des Johannes darstellen. Ich bin mir sicher: Selbst wenn man diese Kirche jeden Tag besucht, entdeckt man immer noch kleine, liebevolle Details, die einem zuvor entgangen sind.

Zu den absoluten Prunkstücken gehören:
- Der Altar (1672): Er zeigt eine mehrstöckige Architektur mit imposanten Säulen, feinen Schnitzereien und Bildern, die das Abendmahl, die Taufe Jesu und die Auferstehung darstellen.
- Die Kanzel (1670): Sie wird von einer eindrucksvollen Figur getragen, die den Glauben symbolisiert. Der Schalldeckel ist reich mit zarten Engeln und der Figur des auferstandenen Christus verziert.
- Die prachtvolle Orgel: Sie thront auf der Westempore. Ihr Gehäuse ist mit üppigem barocken Blattschmuck (Akanthusornamenten) und Engelsfiguren versehen. Das Instrument soll einen derart fantastischen Klang haben, dass in der Kirche bis heute regelmäßig gut besuchte Konzerte stattfinden.



Was geschah eigentlich mit den Glocken?
Wer genau aufpasst, erinnert sich an das ursprüngliche Verbot von Türmen und Glocken. Erst im Jahr 1707, also über ein halbes Jahrhundert nach dem eigentlichen Bau, wendete sich das Blatt. Durch die Altranstädter Konvention erhielten die Protestanten endlich die Erlaubnis, einen Glockenturm nachzurüsten. Dieser wurde im passenden barocken Stil entworfen und direkt an die bestehende Holzkirche angebaut.

Ein Symbol des Überlebens
Als ich die knarrenden Dielen der Friedenskirche wieder verlasse und in den Friedenspark trete, bleibt ein Gefühl der Bewunderung zurück. Dass ein derart fragiles Gebäude aus Holz, Lehm und Stroh über 370 Jahre, unzählige Kriege (darunter die Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs) und die dramatischen Vertreibungen des 20. Jahrhunderts vollkommen unbeschadet überstanden hat, grenzt für mich an ein echtes Wunder.
Besucherinformationen
Adresse
Kościół Pokoju w Jaworze,
Park Pokoju 2,
59-400 Jawor, Polen
Anreise
Mit dem Auto
Von Breslau (Wrocław) aus nehmen Sie die Autobahn A4 in Richtung Westen. Die Fahrzeit beträgt etwa 1 Stunde. Einen bequemen Parkplatz finden Sie an der 1-Go-Maja-Straße, nur knapp 50 Meter von der Kirche entfernt.
Mit der Bahn
Es gibt Regionalzugverbindungen von Breslau nach Jawor. Vom Bahnhof Jawor sind es etwa 15 bis 20 Minuten Fußweg zur Kirche.
Öffnungszeiten
April bis Oktober
10:00 bis 17:00 Uhr
Sonntag und Kirchenfeiertage: 12:00–17:00 Uhr
Barrierefreiheit
Der Zugang zum Erdgeschoss der Kirche ist weitgehend barrierefrei. Die oberen Emporen und Stockwerke sind allerdings nur über historische, teils steile Holztwanden und Treppen erreichbar und für Menschen mit Gehbehinderung oder Rollstuhl leider nicht zugänglich.
Der Besuch in Niederschlesien fand im Rahmen einer Kooperation mit der Polish Tourism Organization in Berlin statt.
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