Inmitten steiler Weinberge, tief eingeschnittener Flussschleifen und malerischer Fachwerkkulissen erhebt sich die Reichsburg Cochem. Sie thront majestätisch auf einem markanten Felskegel rund 100 Meter über der Stadt.
Für uns war schnell klar: Sind wir in Cochem, gehört der Burgbesuch einfach dazu. Die Reichsburg kann man nur im Rahmen einer geführten Tour besuchen. Unser Tipp: Gerade in der Hauptsaison ist der Besucherandrang sehr groß. Wer es etwas ruhiger mag, sollte die Burg entweder direkt zur Öffnung am Morgen oder idealerweise erst am Nachmittag gegen 15:00 Uhr besuchen. Um diese Uhrzeit sind die meisten Besucher schon wieder weitergefahren und die Gruppengrößen bei den Führungen werden kleiner.

Die Ursprünge: Zollstation und pfalzgräfliche Macht
Die Wurzeln der Anlage reichen bis in die Zeit um das Jahr 1000 zurück. Damals wurde die Burg als pfalzgräfliche Gründung aus dem Fels gestampft und diente der Kontrolle des lukrativen Handelsweges auf der Mosel. Die damaligen Burgherren und Wachleute fackelten nicht lange, wenn es um das Eintreiben von Geldern ging. Um die Mosel passieren zu dürfen, mussten die Schiffer einen deftigen Wegezoll löhnen. Es wird überliefert, dass die Besatzung der Burg sogar in der Lage war, den gesamten Fluss mit einer gewaltigen Kette abzusperren, um niemanden unbemerkt und unbezahlt entkommen zu lassen. Diese florierende und mächtige Epoche als königliche Reichsburg und später als Eigentum von Kurtrier prägte die Region über Jahrhunderte.
Der Fall: Französische Truppen und der Dornröschenschlaf
Im Jahr 1689 fielen französische Truppen unter der Herrschaft von König Ludwig XIV. in das Moseltal ein. Die Soldaten machten kurzen Prozess und sprengten die stolze Reichsburg fast vollständig in die Luft. Bis auf wenige Turmreste und Grundmauern wurde das Bauwerk dem Erdboden gleichgemacht.

Was folgte, war ein fast zweihundertjähriger Dornröschenschlaf. Die Überreste auf dem Felsen wuchsen mit Wein und Gestrüpp zu, und von der einstigen Zollmacht war nur noch ein melancholisches Gerippe übrig.
Die Wiederauferstehung: Louis Ravené und das Gothic Revival
Dass heute wieder eine intakte Burg über Cochem thront, verdankt die Stadt einem Mann, der eigentlich gar nichts mit der Mosel zu tun hatte: Louis Fréderic Jacques Ravené. Dieser hugenottischstämmige Kaufmann und Fabrikant aus Berlin hatte es durch den Stahl- und Eisenhandel zu unermesslichem Reichtum gebracht. Seine Familie wurde nicht ohne Grund als die „Krupps des Ostens“ betitelt. Ravené war zudem am strategisch wichtigen Bau der Eisenbahnlinie Koblenz–Metz beteiligt, was ihn in die Region brachte.

Im Jahr 1868 erwarb der Berliner Fabrikant das Areal in Cochem und begann mit einem ambitionierten Bauprojekt. Er engagierte die damals hochangesehenen Bauräte Hermann Ende und Julius Carl Raschdorff, um die Ruine wiederaufzubauen. Das Ziel war jedoch keine historisch korrekte, wissenschaftlich fundierte Rekonstruktion der originalen Zollburg. Stattdessen schuf man unter Einbeziehung der historischen Bausubstanz eine idealisierte Märchenburg im neugotischen Stil. Eine wahre „Türmchenorgie“, die den romantischen Vorstellungen des 19. Jahrhunderts vom Mittelalter entsprach und der Anlage ihren heutigen, leicht verträumten Avalon-Charakter verlieh.
Der Wiederaufbau der Burg durch Louis Ravené ist jedoch nicht nur eine bauhistorische Erfolgsgeschichte, sondern auch untrennbar mit einem massiven gesellschaftlichen Drama verknüpft, das bis in die höchsten literarischen Kreise Berlins ausstrahlte.

Im Jahr 1877 war es endlich so weit: Die aufwendig restaurierte und ausgebaute Burg konnte eingeweiht werden. Der eigentliche Bauherr, Louis Ravené, konnte seine Burgruine nur sehr kurz genießen. Er verstarb bereits zwei Jahre nach der Einweihung, im Jahr 1879, im tschechischen Kurort Marienbad, während in Cochem gerade die neu gebaute Burgkapelle geweiht wurde. Den vollständigen Ausbau erlebte er nicht mehr. Sein Sohn, Louis Ferdinand Auguste, übernahm das Zepter, heiratete passenderweise die Tochter des Architekten Hermann Ende und kümmerte sich um die weitere Ausgestaltung. Insgesamt blieb die Anlage 75 Jahre lang im Besitz der Familie Ravené, bevor die Wirren des Zweiten Weltkriegs und die spätere Übereignung an die Stadt Cochem dieses Kapitel schlossen.

Weg zur Reichsburg
Von der Altstadt muss man die gut 100 Höhenmeter zur Burg überwinden. Oben direkt an der Reichsburg gibt es keine Parkplätze für Besucher

Wir haben uns zu Fuß auf den Weg gemacht. Vom Marktplatz führt die gut ausgeschilderte Schlossstraße durch den Burgberg-Wald und vorbei an Weinreben hinauf. Der steile Pfad ist asphaltiert und mit etwas Grundkondition und festem Schuhwerk ist man nach etwa 15 bis 20 Minuten am Burgtor angekommen. Auch wenn der Weg anstrengend ist, hat es sich gelohnt! An mehreren Stellen hatten wir eine traumhafte Aussicht über das Tal.
Tipp: In der Hauptsaison gibt es den „Reichsburg-Shuttle“. Dieser kleine kostenpflichtige öffentliche Bus pendelt vom zentralen Endertplatz hinauf zur Burg.
Was dich auf der Burg erwartet
Die Reichsburg ist schon von weitem beeindruckend. Besonders auffällig sind die vielen kleinen Türmchen, die mich doch eher an ein Disney-Schloss erinnern und nicht an eine Trutzburg.

Mein Blick fiel zunächst auf ein gigantisches, vier mal acht Meter großes Mosaikbild. Es zeigt den Heiligen Christophorus, den Schutzpatron aller Reisenden und Schiffer. Das heute sichtbare Kunstwerk ist nicht das Original von 1870. Jenes ursprüngliche Mosaik wurde während der Herrschaft der Nationalsozialisten zerstört und erst in der Nachkriegszeit durch eine neue Nachbildung ersetzt.

Blickt man von außen auf den Burgeingang, sticht ein Detail besonders hervor: Ein gewaltiger Löwe in Ritterrüstung mit zugeklapptem Visier, der scheinbar das Tal bewacht. Es handelt sich um den Pfälzer Löwen, das heutige Wappentier von Rheinland-Pfalz. Da der ursprüngliche Bauherr im Jahr 1000 ein Pfalzgraf war, griff Ravené dieses Symbol bei der Rekonstruktion auf und platzierte das Tier an vielen Ecken der Anlage.
Einblick in die Vergangenheit: Die Burgführung
Mit dem Beginn der Burgführung ist es möglich den Burghof zu betreten. Hohe mächtige Mauern ragen um uns empor und über eine Treppe gelangen wir in das Innere der Burg.

Man betritt Räume, deren Wände über und über mit aufwendigen Holzschnitzereien verziert sind. Der Blick wandert unweigerlich nach oben zu den massiven hölzernen Balkendecken im Stil der Neorenaissance. Die Räumlichkeiten sind gefüllt mit wertvollen historischen Möbeln, kunstvollen Vasen und einer beeindruckenden Waffensammlung. Die Architekten ließen es sich nicht nehmen, die Zimmer thematisch zu unterteilen, weshalb man sowohl ein explizit „gotisches“ als auch ein „romanisches“ Zimmer bewundern kann.

Besonders im Gedächtnis geblieben sind mir die skurrilen Details und Kuriositäten, die gezeigt werden.
Wir entdecken gigantische Zinnkrüge, die ein Volumen von stolzen drei bis fünf Litern fassen. Angeblich entsprach dies der damaligen Tagesration an Wein für einen Ritter – eine Menge, die heutige Trinkgewohnheiten in ein völlig neues Licht rückt.

Ebenso beeindruckend ist eine maßgefertigte Ritterrüstung, die für einen über zwei Meter großen Mann geschmiedet wurde und an einen wahrhaften Riesen erinnert. Wer schon einmal in Innsbruck im Schloss Ambras war, wird dort eine ähnliche Rüstung entdecken. Angeblich gab es wirklich Menschen, die im Gegensatz zu ihren Mitbewohnern viel größer waren. Ob sie sich allerdings in diesen Rüstungen bewegen oder sogar kämpfen konnten, ist eher unklar.

Die Burgführerinnen und Burgführer sind dafür bekannt, die Historie mit viel Humor und Detailwissen zu vermitteln und so war die Führung sehr kurzweilig. Wir erfuhren ganz nebenbei, woher der Begriff „Fensterbank“ stammt oder weshalb man im Mittelalter Teppiche auf die Tische legte, anstatt sie auf den Boden zu legen.
Mein persönlicher Höhepunkt war der Besuch eines Balkons, von dem man einen wirklich unglaublichen Blick in das Moseltal hat.

Zum Abschluss der Tour ging es wieder in den Burghof. Hier zeigte man uns den Brunnen. Um die autonome Wasserversorgung der Bewohner gewährleisten zu können, wurde ein Burgbrunnen tief in den Fels getrieben. Dieser reicht etwa 50 Meter in die Tiefe und schneidet dort eine natürliche Wasserader aus der Eifel an.

Die Führung durch die Reichsburg dauert etwa 40 Minuten und es werden alle wichtigen Prunkräume gezeigt. Einmal pro Stunde (in den Sommermonaten) findet regulär eine Führung in englischer Sprache statt. Darüber hinaus stehen kostenlose Übersetzungstexte in 12 verschiedenen Sprachen zur Verfügung.
Gastronomie: Burgschänke und Rittermahl
Ein ordentlicher Ausflug in die Geschichte macht unweigerlich hungrig. Die Reichsburg Cochem bietet gastronomische Konzepte an, die von der schnellen Stärkung für Zwischendurch bis hin zur abendfüllenden Event-Gastronomie reichen.

Direkt auf dem Burggelände befindet sich die Burgschänke. Sie ist während der Sommersaison täglich von 10:00 bis 18:00 Uhr geöffnet. Es gibt wärmende kleine Suppen, kräftige Eintöpfe, das beliebte „Ritterbrot“ oder klassische Schnitzelgerichte. Auch für Anhänger der süßen Küche ist gesorgt: Eine breite Auswahl an Kuchen, Torten und Kaffeespezialitäten steht bereit.
Ein Abendmahl wie im Mittelalter
Nach Voranmeldung besteht auch die Möglichkeit das „Ritter-Gasterey“ – ein rustikales Rittermahl, zu erleben. Es ist kein normales Abendessen, sondern ein aufwendig inszeniertes, vierstündiges Spektakel, das in die Sitten und Gebräuche des Mittelalters eintauchen lässt.
Man sitzt an langen Holztischen in den historischen Gewölben der Burg. Begleitet wird das Gelage von Musik, mittelalterlichen Unterhaltungseinlagen, der Vorführung alter Adelsgebräuche und amüsanten Ritterspielen.

Fazit: Die Burg, die mehr als nur ein Fotomotiv ist
Die Reichsburg Cochem polarisiert. Für Puristen der Burgenforschung ist sie ein historisch inakkurater Fantasiebau des 19. Jahrhunderts. Für Massentouristen ist sie oft nur ein schnelles Selfie-Motiv. Doch wer sich die Zeit nimmt, an einer Führung teilzunehmen, wird begeistert sein.
Die Geschichte der Reichsburg erzählt von mittelalterlichen Zollherren, von der brutalen Zerstörung, von den Anfängen des Tourismus und von der unbändigen Romantik-Sehnsucht eines reichen Industriellen.
Uns hat es gefallen!
Besucherinformationen
Adresse
Schlossstraße 36,
56812 Cochem
Anreisemöglichkeiten
Mit dem Auto:
Über die Autobahn A48 (Abfahrt Kaisersesch) und dann weiter über Landstraßen in Richtung Moseltal
Bundesstraße B49 an der Mosel entlang
Mit dem Zug (ÖPNV):
Cochem liegt an der Moselstrecke (Koblenz – Trier). Der Bahnhof “Cochem (Mosel)” ist nur etwa 1,5 bis 2 Kilometer von der Burg entfernt.
Der Weg hinauf zur Burg
Reichsburg-Shuttle-Bus (Linie 781):
In der Saison (meist Mai bis Ende Oktober) fährt ein praktischer Shuttle-Bus vom Endertplatz hinauf zur Burg.
Zu Fuß:
Vom Stadtzentrum aus führen mehrere Fußwege hinauf. Der Weg dauert etwa 15 bis 30 Minuten. Achtung: Der Anstieg ist teilweise sehr steil!
Taxi:
Vom Endertplatz oder Bahnhof mit dem Taxi bis vor das Burgtor.
Parkplatz
Keine Parkplätze an der Burg:
Direkt an der Reichsburg gibt es keine öffentlichen Parkplätze für Besucher. Die Zufahrt ist für den regulären Verkehr gesperrt.
Parken in der Stadt:
Entlang der Moselpromenade (z.B. P1, P2, P3) sowie am Bahnhof (Parkhaus) gibt es ausreichend gebührenpflichtige Parkplätze.
Öffnungszeiten
Sommerhalbjahr (Mitte März bis Anfang November)
täglich: 9:30 – 17: Uhr
Winter (ab November)
10:00 bis 15:00 Uhr, nicht zwingend täglich
Jede Jahreszeit hat ihren eigenen Reiz, aber für Kenner gibt es klare Favoriten:
April: Dieser Monat gilt als der „geheime“ Reisemonat. Die großen Touristenmassen sind noch nicht angekommen. Die Führungen durch die Burg sind noch nicht so überlaufen, finden aber seltener statt.
Juni bis Oktober:
Die Hochsaison mit recht großem Besucherandrang. Die Touren finden sehr häufig statt.
Ticketpreise
Klassische Burgführung
Erwachsene 10,-€
Dauer: 40 Minuten
Es werden englischsprachige Führungen angeboten.
Barrierefreiheit
Aufgrund ihrer historischen Bauweise und der extremen Lage auf dem Bergsporn ist die Reichsburg Cochem leider nicht barrierefrei.
Außenanlagen & Weg dorthin: Bereits der Weg vom Shuttle-Bus-Ausstieg bis zum Haupttor weist eine starke Steigung auf und ist teilweise mit historischem Kopfsteinpflaster ausgelegt.
Burginnenhöfe: Auch hier gibt es Steigungen, Stufen und unebene Böden, die für Rollstuhlfahrer oder Menschen mit starker Gehbehinderung sehr schwer bis gar nicht zu bewältigen sind.
Burgführungen (Innenräume): Die historischen Räume können nur im Rahmen einer Führung besichtigt werden. Da es in der Burg keine Aufzüge gibt und viele zum Teil schmale, historische Treppenstufen überwunden werden müssen, ist die Teilnahme für Rollstuhlfahrer oder Gäste, die keine Treppen steigen können, leider nicht möglich.
Tipp für Begleitpersonen: Ein Rollator kann an der Kasse oder im Vorhof abgestellt werden, er kann aber nicht mit in die engen Innenräume genommen werden.
Der Besuch der Reichsburg fand im Rahmen einer Pressereise mit Mosellandtouristik GmbH und Ferienland Cochem statt.
Schreibe einen Kommentar