Ein Film, der mich in den letzten Jahren begeistert hat, handelt von Alan Turing und der legendären Enigma-Maschine während des Zweiten Weltkrieges. Als ich erfuhr, dass es in Posen das Centrum Szyfrów Enigma (Chiffrenzentrum Enigma) gibt, stand mein Entschluss sofort fest: Das musste ich mit eigenen Augen sehen.
Wer bei dem Wort “Museum” an endlose Flure mit verstaubten Vitrinen und ermüdenden Schautafeln denkt, wird hier eines Besseren belehrt. Für mich war dieser Besuch eines der spannendsten und interaktivsten Erlebnisse seit Langem . Ich konnte regelrecht in die verborgene Welt der Spione und Mathematiker eintauchen.

Der Schauplatz: Ein Gebäude mit vielen Gesichtern
Das Museum ist nicht einfach irgendwo untergebracht. Es befindet sich im Collegium Martineum. Dieser Ort hat selbst eine historische Achterbahnfahrt hinter sich. Alles begann Mitte des 19. Jahrhunderts, als an dieser Stelle ein eher burgartiges Gebäude für die Intendantur der preußischen Armee errichtet wurde. In den späten 1920er und frühen 1930er Jahren nutzte die Posener Außenstelle des polnischen Militär-Chiffrenbüros genau diesen Ort. Hier befand sich die Wiege der Codeknacker.

Man betritt als Besucher also exakt den “Tatort” der Geschichte. Während des Zweiten Weltkriegs wurde das ursprüngliche Gebäude stark beschädigt, und nach dem Krieg ersetzte man es durch einen recht klobigen Bau, der als Zentrale der kommunistischen Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei diente. Nach dem Fall des Kommunismus zog die Adam-Mickiewicz-Universität ein und nutzte die Räume bis 2015 für ihre Historische Fakultät. Heute erstrahlt das Gebäude in völlig neuem Glanz und beherbergt seit Herbst 2021 das Centrum Szyfrów Enigma Posen (Chiffrenzentrum Enigma).
“Wahre Geschichte. Eine Herausforderung für den Geist.” Das ist das Motto des Zentrums und mein Geist wurde wirklich gefordert!
Wie die Enigma das Unmögliche versprach
Die Enigma, deren Name passenderweise aus dem Griechischen stammt und “Rätsel” bedeutet, war auf den ersten Blick recht unscheinbar. Sie ähnelte einer in einen schweren Holzkasten verbauten, klobigen Schreibmaschine. Doch unter der Tastatur verbarg sich eine elektro-mechanische Rotor-Schlüsselmaschine von unvorstellbarer Komplexität. Sie wurde vor und während des Zweiten Weltkriegs vom deutschen Wehrmacht, Marine und Luftwaffe zur Verschlüsselung von hochgeheimen Nachrichten eingesetzt.
Der Funker tippte einen Klartext-Buchstaben (z. B. ein “A”) auf der Tastatur ein. Strom floss durch die Maschine, und auf einem Lampenfeld leuchtete ein anderer Buchstabe (z. B. ein “X”) auf. Das war der verschlüsselte Buchstabe, der dann per Morsecode gefunkt wurde. Das Tückische dabei: Mit jedem Tastendruck drehten sich die mechanischen Walzen im Inneren weiter, wodurch sich der gesamte Stromkreis veränderte. Wenn man dreimal hintereinander ein “A” tippte, leuchtete beispielsweise nacheinander “X”, “L” und “Q” auf. An der Vorderseite der Maschine steckte der Funker zusätzlich Kabel ein, die bestimmte Buchstaben paarweise vertauschten, bevor der Strom in die Walzen floss.

Das deutsche Militär hielt die Enigma für absolut unknackbar. Der Grund dafür lag in der schier unvorstellbaren Anzahl an möglichen Start-Einstellungen. Die Standard-Enigma des Heeres erlaubte rund 159 Trillionen mögliche Start-Einstellungen. Um eine Nachricht lesen zu können, mussten Sender und Empfänger ihre Maschinen exakt gleich konfigurieren und dieser Tagesschlüssel wurde pünktlich um Mitternacht gewechselt. Dass dieser Code dennoch gebrochen werden konnte, gilt als eine der größten intellektuellen Meisterleistungen des 20. Jahrhunderts.
Die wahren Helden der Dechiffrierung
Die Geschichte der Entschlüsselung wird oft stark vereinfacht und fast ausschließlich dem britischen Genie Alan Turing zugeschrieben. Doch das Chiffrenzentrum in Posen erzählt die Vorgeschichte und rückt die wahren Pioniere in den Fokus: die polnischen Mathematiker und Kryptologen Marian Rejewski, Henryk Zygalski und Jerzy Różycki. Diese drei brillanten Absolventen der Universität Posen begannen hier, lange vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, bereits 1932 mit ihrer streng geheimen Arbeit.

Ihnen gelang der mathematische Durchbruch. Sie schufen die entscheidenden theoretischen Grundlagen und bauten sogar erste funktionierende Replikate der Enigma-Maschine. Als die Bedrohung durch Nazi-Deutschland immer greifbarer wurde und die deutschen Maschinen zunehmend komplexer wurden, übergaben die Polen kurz vor dem Überfall auf ihr Land im Jahr 1939 ihr gesamtes hart erarbeitetes Wissen an die Briten und Franzosen. Nur durch dieses Vorwissen war es dem Team in Bletchley Park um Alan Turing und Gordon Welchman möglich, die riesige elektro-mechanische Rechenmaschinen zu entwickeln, die den Code automatisiert knackten. So konnten die Alliierten jahrelang den streng geheimen Funkverkehr mitlesen. Historiker sind sich heute einig, dass dieses “Ultra”-Geheimdienstmaterial den Krieg in Europa um zwei bis vier Jahre verkürzte.

Mein Rundgang: Vom alten Holzstab zur modernen Kryptografie
Was den Besuch so besonders macht, ist das Konzept des Museums. Das Chiffrenzentrum ist kein klassisches, statisches Museum mit verstaubten Vitrinen, sondern als interaktives Erlebnis konzipiert. Die Ausstellung nimmt einen mit auf eine Reise, die lange vor dem 20. Jahrhundert beginnt. Ich war verblüfft, wie weit die Geschichte der Kryptografie zurückreicht. Eine Station zeigte eine der ältesten Techniken, die sogenannte Skytale: Ein Leder- oder Pergamentstreifen wird um einen Holzstab gewickelt, sodass die scheinbar wirren Buchstaben plötzlich einen Sinn ergeben. Auf diese clevere Idee wäre ich von selbst sicher nicht gekommen!

Der Audioguides ist unverzichtbar bei den Rundgang durch die Ausstellung. Er aktiviert sich in den Räumen zum Teil automatisch, kann aber auch zusätzliche Informationen an Stationen abrufen. Mit Hilfe des Audioguides “erwacht” die Geschichte rund um das Thema Enigma erst zum Leben. Ein riesiger Pluspunkt für internationale Besucher: Alle Anleitungen, Rätsel und Audiospuren gibt es auf Deutsch und Englisch. Das hat das Miträtseln extrem erleichtert, da ich nicht noch mühsam übersetzen musste.

An zahllosen interaktiven Stationen durfte ich selbst Codes knacken, Rätsel lösen und Nachrichten verschlüsseln. Manche Systeme habe ich überraschend schnell verstanden, bei anderen stand ich trotz Anleitung eine ganze Weile auf dem Schlauch. Hierbei habe ich vor allem eins gelernt: Ein Kryptologe braucht analytische Schärfe und unendliche Geduld. Ob das der richtige Job für mich wäre? Nach ein paar frustrierenden, aber umso lustigeren Fehlversuchen an den Maschinen bezweifle ich es. Aber genau diese interaktive Erfahrung macht das Museum so unvergesslich.

Besucherinformationen
Adresse
ul. Św. Marcin 78,
61-809 Poznań, Polen
Anfahrt
mit der Straßenbahn
Die nächstgelegenen Haltestellen sind “Zamek”, “Gwarna” oder “Fredry”. Der Haupteingang befindet sich direkt an der Straße Św. Marcin
Öffnungszeiten
Montag: Geschlossen
Dienstag – Freitag: 9-18 Uhr
Samstag – Sonntag: 10-19 Uhr
Eintrittspreise
Erwachsene: 35 PLN
Mit der PoznanCard wird der Eintritt günstiger!
Barrierefreiheit
Die Ausstellung ist vorbildlich inklusiv und komplett barrierefrei zugänglich.
Es gibt keine Türschwellen, die Türen sind 160 cm breit und Aufzüge führen zu allen Etagen.
Rollstuhlgerechte Toiletten sind vorhanden.
Der kostenlose Audioguide bietet spezielle Audiospuren: mit Audiodeskription, in Leichter Sprache und sogar in Polnischer Gebärdensprache.
Der Besuch in der Ausstellung fand im Rahmen einer Kooperation mit der Polish Tourism Organization in Berlin und der Poznań Tourism Organisation statt.
Veröffentlicht: 23. August 2026
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