Posen (Poznań) ist bekannt für eine ganz besondere kulinarische Tradition: das Posener Martinshörnchen (Rogal świętomarciński). Besonders rund um den 11. November, dem Namenstag des Heiligen Martin, duftet die ganze Stadt nach diesem üppigen Gebäck aus Plunderteig, gefüllt mit weißem Mohn, Nüssen, Rosinen und Orangeat.
Aber nicht nur zu dieser Zeit ist es möglich, das Posener Martinshörnchen zu essen. Das ganze Jahr findet man das Gebäck in den Bäckereien und es gibt sogar die Möglichkeit bei einer Veranstaltung mehr darüber zu erfahren.
Im interaktiven Museum: Die Lehrstunde beginnt
Schon als ich das historische Bürgerhaus direkt am Alten Markt betrete und die alten Holztreppen hinaufsteige, steigt mir ein unverwechselbarer, süßer Duft nach Hefe, Vanille und gerösteten Nüssen in die Nase. Im Vorführraum angekommen, suche ich mir einen Platz, von dem ich später hoffentlich alles genau sehen kann. Der Raum hat riesige Fenster, durch die man einen perfekten Blick auf das prachtvolle Posener Rathaus hat. Pünktlich um zwölf und fünfzehn Uhr kann man von hier aus sogar die berühmten mechanischen Ziegenböcke sehen.

Der Rogalmistrz (Hörnchenmeister), in unserem Fall eine Hörnchenmeisterin, betritt den Raum. Sie trägt eine Bäckerschürze und eine Mütze, hat ein verschmitztes Lächeln im Gesicht und begrüßt uns lautstark. Die Atmosphäre ist vom ersten Moment an nicht wie in einem strengen Museum, sondern eher wie in einer interaktiven, humorvollen Theatershow.
Die Legende vom Heiligen Martin und dem verlorenen Hufeisen
Natürlich steht auch etwas Geschichte auf dem Plan. Wie kam das Hörnchen überhaupt zu seiner charakteristischen Form und seiner Verbindung zu Posen? Dahinter steckt eine charmante Legende.
Die Geschichte führt zurück bis ins 19. Jahrhundert. Im November predigte der Pfarrer der Posener St.-Martin-Kirche über das Leben des Heiligen Martin von Tours. Er erzählte, wie der Heilige seinen Mantel mit einem frierenden Bettler teilte, und rief seine Gemeinde dazu auf, diesem Vorbild der Nächstenliebe zu folgen und den Armen der Stadt zu helfen.

Unter den Zuhörern befand sich ein örtlicher Bäcker. Die Worte des Pfarrers berührten ihn und er dachte lange darüber nach, wie er als einfacher Bäcker den Armen eine Freude machen könnte.
Er betete zum Heiligen Martin um Inspiration und fiel schließlich in einen tiefen Schlaf. In dieser Nacht hatte der Bäcker einen Traum. Er sah den Heiligen Martin in glänzender Rüstung auf einem Schimmel durch die Straßen von Posen reiten. Plötzlich stolperte das Pferd und verlor eines seiner Hufeisen.
Als der Bäcker am nächsten Morgen aufwachte, erinnerte er sich an seinen Traum. Er sah das Hufeisen als Zeichen und hatte ihm kam die Idee ein süßes Gebäck in exakt dieser geschwungenen Form kreieren.
Nächstenliebe in Form von Gebäck
Der Bäcker machte sich sofort ans Werk. Er rollte Teig aus, füllte ihn mit einer reichhaltigen und nahrhaften Masse aus Mohn und Mandeln und bog die Enden so, dass sie wie ein Hufeisen aussahen. Am 11. November, nach der feierlichen Messe, brachte er dieser “Martinshörnchen” vor die Kirche.
Sein Konzept war simpel, aber genial: Die Reichen mussten für das Gebäck bezahlen, die Armen bekamen es geschenkt.

Die Hörnchen waren ein derartiger Erfolg, dass der Bäcker die Nachfrage kaum bewältigen konnte. Im darauffolgenden Jahr schlossen sich ihm andere Bäcker der Stadt an, um gemeinsam für die Armen zu backen. Die Tradition des Posener Martinshörnchens war geboren.
Der historische Kern der Legende
Wie bei vielen Legenden gibt es auch hier einen wahren, historisch belegten Kern, der erstaunlich nah an der Erzählung liegt.
- Das Jahr 1891: Der Pfarrer Jan Lewicki rief seine Gemeinde tatsächlich dazu auf, etwas für die Armen zu tun.
- Der Bäcker Józef Melzer: Es war der Posener Konditor Józef Melzer, der auf diesen Aufruf reagierte. Er überzeugte seinen Chef, Hörnchen zu backen und sie kostenlos an die Bedürftigen zu verteilen.
- Die Tradition wächst: Melzers Idee wurde von der Bäckerinnung Posens übernommen, und das Backen der Mohn-Hörnchen am Martinstag wurde zu einem festen Bestandteil der städtischen Kultur.
Selbst backen: Das Geheimnis der 81 Schichten
Dann wird es ernst: Wer mitbacken will, braucht die richtige Ausrüstung. Ich melde mich freiwillig, bekomme eine große Schürze umgebunden und eine Bäckermütze auf den Kopf gesetzt.
An diesem Tag waren es recht viele “Freiwillige”, die gerne beim Backprozess helfen wollten. So teilte man uns in kleine Gruppen auf, die jeweils einen Teil der Zubereitung übernahmen.

Zunächst muss der Teig geknetet werden. Zum Glück waren Kinder dabei und diese übernahmen mit Begeisterung die körperliche Arbeit. Denn hier wird keine Maschine eingesetzt. Es ist alles Handarbeit!

Nach dem “Ruhen” wird der Teig dann recht dünn ausgerollt. Der spezielle, halb-französische Plunderteig wird im Anschluss exakt gefaltet und gerollt, bis er am Ende aus unglaublichen 81 Schichten besteht. Das dauert natürlich seine Zeit und wir “schummeln” ein wenig. Es ist ja schließlich eine Vorführung und kein Backkurs.


Nachdem der Teig in eine dreieckige Form zugeschnitten worden ist, wird die Füllung platziert. Aus einem Spritzbeutel wird eine dunkle, klebrige Masse aufgetragen. Diese Masse besteht aus: Weißer Mohn, Rosinen, Nüsse, Orangeat und ein guter Schuss Mandel- oder Vanillearoma.
Nun kam der Part, an dem ich aktiv werden durfte. Das Rollen und Formen des Martinshörchens! Die Meisterin zeigt uns, wie man den Teig so faltet und biegt, dass am Ende genau die typische Hufeisenform entsteht.

Ich musste mich schon etwas konzentrieren, damit die einzelnen Schritte auch klappten. Etwas stolz war ich schon auf mein Ergebnis: Mein erstes Hörnchen sieht zwar noch etwas unförmig aus, aber es war ja auch der erste Versuch.

Die Verkostung: Eine wohlverdiente, mächtige Belohnung
Während “unsere” Hörnchen symbolisch in den Ofen wandern werden bereits Tüten aus dem Nebenraum gebracht. Jeder Gast erhält ein Stück eines frischen, noch warmen Martinhörchens. Ich beiße hinein: Der Teig ist außen wunderbar blättrig und innen weich, die Füllung ist unglaublich saftig, nussig und sehr süß, getoppt mit Zuckerguss und gehackten Nüssen. Ein echtes Posener Martinshörnchen ist wahnsinnig mächtig, es wiegt oft über 200 Gramm!
Mit klebrigen Fingern, einem süßen Nachgeschmack auf der Zunge und einem offiziellen, humorvollen Zertifikat in der Hand, das mich nun als “Geprüften Hörnchen-Gehilfen” auszeichnet, verlasse ich das Museum.
Das Posener Martinshörnchen heute: Ein EU-Wahrzeichen
Heute ist das Posener Martinshörnchen ein Wahrzeichen der Stadt. Seit 2008 ist der Name Rogal świętomarciński sogar durch die Europäische Union als geschützte geografische Angabe geschützt. Nur Bäcker aus Posen und der umliegenden Region, die sich an das streng festgelegte Originalrezept halten, dürfen ihre Hörnchen unter diesem Namen verkaufen.

Wer hätte gedacht, dass ein verlorenes Pferde-Hufeisen aus dem 19. Jahrhundert heute noch für so viele klebrige Finger und glückliche Gesichter sorgt?
Unser Tipp: Probieren Sie es bei Ihrem nächsten Posen-Trip unbedingt selbst aus!
Besucherinformationen
Adresse
Stary Rynek 41/2
(Eingang über Klasztorna Straße),
61-772 Poznań
Öffnungszeiten
Täglich.
Die Shows finden zu festen Zeiten statt. Achtung: Die englischsprachige Vorführung findet in der Regel um 13:45 Uhr statt!
Preise
Erwachsene: 35 PLN
Unbedingt vorab online Tickets reservieren!
Barrierefreiheit
Das Museum befindet sich in einem historischen Renaissance-Gebäude. Der Zugang erfolgt über alte, recht steile Holztreppen. Ein Aufzug ist leider nicht vorhanden, weshalb das Museum für Rollstuhlfahrer derzeit nicht zugänglich ist.
Sprache
Die Vorführungen finden standardmäßig auf Polnisch statt, aber es gibt spezielle Zeiten für Vorführungen auf Englisch.
Webseite mit Buchungsmöglichkeiten
Der Besuch fand in Kooperation mit Poznań Tourism Organisation und Polish Tourism Organization in Berlin statt
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