250 Stufen. Kein Aufzug. Wer auf die Breslauer Hexenbrücke will, muss sich den Ausblick erst einmal in den Waden verdienen. Aber der schweißtreibende Weg in den Nordturm der Magdalenenkirche lohnt sich richtig. Denn in 45 Metern Höhe wartet nicht nur der wohl beste Blick auf den Großen Ring, sondern auch eine ziemlich schräge Legende über eitle Töchter, fliegende Besen und eine grausame Hexenprobe.

Ein Bauwerk der Macht: Die wilde Geschichte der Magdalenenkirche
Wenn man an prächtige Kirchen denkt, stellt man sich oft friedliche Orte vor. Doch die Magdalenenkirche in Breslau (Wrocław) blickt auf eine Geschichte voller Konkurrenzkampf, zerstörerischer Brände und schauriger Legenden in schwindelerregender Höhe zurück.
Erbaut wurde sie nicht von den Bischöfen, sondern von den reichen, selbstbewussten Kaufleuten der Stadt. Sie wollten zeigen: Wir haben Macht, und wir haben Geld! Und das taten sie mit einem Bauwerk, das bis heute die Skyline der Stadt prägt.

Die Ursprünge der Kirche reichen bis in die erste Hälfte des 13. Jahrhunderts zurück. Nachdem ein erster romanischer Bau 1241 während einer kriegerischen Handlung zerstört worden war, folgte rasch ein Wiederaufbau. Doch mit der rasant wachsenden Stadt genügte auch dieser bald nicht mehr den Ansprüchen. Nach einem Großfeuer im Jahr 1341 errichtete das städtische Bürgertum die heutige Basilika. Die wohlhabenden Kaufleute finanzierten den Prachtbau auch, um mit der benachbarten Elisabethkirche um den höchsten Turm und die meiste Pracht zu wetteifern. Ein wenig schien die Magdalenenkirche den Wettbewerb für sich entschieden zu haben, denn der römisch-deutsche Kaiser Karl IV. stiftete der Kirche wertvolle Reliquien.

Im 16. Jahrhundert wurde die Magdalenenkirche zum Ausgangspunkt der schlesischen Reformation und blieb bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs das Zentrum des protestantischen Glaubens in Breslau. Nach schweren Zerstörungen im Jahr 1945 wurde die zur Ruine gewordene Kirche in den darauffolgenden Jahrzehnten aufwendig restauriert und dient heute als Kathedrale der Polnisch-Katholischen Kirche.
Backsteingotik pur: Die beeindruckende Außenansicht
Bevor es uns in die Kirche zog, guckten wir uns den beeindruckenden Bau von aussen an. Die Magdalenenkirche ist ein klassisches Beispiel der schlesischen Backsteingotik.
Die 62 Meter lange und 32 Meter breite Basilika verzichtet auf ein Querschiff. Ein besonderes historisches Detail an der Südfassade ist das sogenannte Ołbiński-Portal aus dem 12. Jahrhundert. Es stammt ursprünglich aus einem abgerissenen Kloster und wurde 1546 in die Kirche integriert.

Mich beeindrucken besonders die beiden mächtigen, über 72 Meter hohen quadratischen Türme an der Westfassade. Jahrhundertelang trugen sie prächtige, kupfergedeckte Renaissance-Hauben, die jedoch 1945 durch eine Explosion unwiederbringlich zerstört wurden. Aus Gründen der Statik und der Nachkriegsfinanzen sind die Türme seit dem Wiederaufbau lediglich mit flachen Notdächern versehen. Das ist für so eine imposante Kirche eher selten.
Im Inneren der Kirche: Patrizier-Epitaphien und ein gefesselter Drache
Über einige Stufen erreichen wir das Innere des Kirchenschiffs. Mein Tipp: Vor dem Eingang der Kirche steht einer der Breslauer Zwerge: der “Motorradfahrer Wentyl”.

Das knapp 30 Meter hohe Hauptschiff zieht meinen Blick automatisch in die Höhe. Die Seitenschiffe sind mit 9 Metern Höhe deutlich niedriger gehalten. Hier standen einst 58 mittelalterlichen Nebenaltären, die durch den Wandel der Reformation und durch Kriegszerstörungen heute nicht mehr vollständig erhalten sind. Es gibt aber noch einige wenige erhaltene wunderschöne Altarbereiche. Den Kirchenraum schmücken heute zahlreiche kunstvolle Renaissance- und Barock-Epitaphien Breslauer Patrizierfamilien.

Das unbestrittene Glanzstück der Innenausstattung ist die monumentale Renaissance-Kanzel aus dem späten 16. Jahrhundert. Sie wurde aus kostbarsten Materialien wie weißem Alabaster, grünem Serpentinit und tiefschwarzem Gestein gefertigt. Ein besonders eindrucksvolles Detail befindet sich direkt unter der Kanzeltreppe: die Skulptur eines in Ketten gelegten, brennenden Drachens, der den Teufel symbolisiert. Bei jedem Aufstieg zur Predigt trat der Pfarrer das Böse somit sinnbildlich nieder.

Die Breslauer Hexenbrücke: Schwindelerregende Höhe und dunkle Mythen
Das wohl bekannteste Merkmal der Kirche ist die “Büßer-” oder “Hexenbrücke”, die den Nord- und Südturm in rund 45 Metern Höhe verbindet. Bereits 1459 urkundlich erwähnt, diente der Steg einst ganz als Übergang für Turmwächter und als Aussichtspunkt zur Branderkennung. Nach Zerstörungen in den Jahren 1887 und 1945 wurde die Brücke 2001 originalgetreu rekonstruiert.
Die meisten Besucher der Kirche zieht es ausschließlich auf diese Verbindungsbrücke. Im Eingangsbereich der Kirche erreicht man die Kasse und den kleinen Shop durch eine niedrige Türöffnung zum Turm. Der Zugang zum Aufstieg ist limitiert. Bei großem Andrang kann es etwas dauern, bis man die Stufen hinaufsteigen kann.
Der schweißtreibende Aufstieg im Kirchturm
Der Aufstieg zur Aussichtsplattform auf der Brücke ist ein sportliches Unterfangen. Es existiert kein Aufzug im historischen Kirchturm. Wir mussten etwa 250 Treppenstufen im Nordturm bewältigen. Während des Aufstiegs sorgen auf den Zwischenetagen Informationstafeln (auch in englischer Sprache), dunkle atmosphärische Musik aus Lautsprechern und Lichtinstallationen für eine mystische Grundstimmung. Auf einer dieser Zwischenetagen erfuhren wir mehr zu den Legenden rund um die “Hexenbrücke”.

Die Legende der Büßerinnen: Tekla und die Hexe Martynka
Die bekannteste Überlieferung erzählt von Tekla, einer jungen schönen, aber extrem eitlen und arbeitsscheuen Breslauerin. Anstatt sich den Pflichten des Haushalts zu widmen oder den Avancen ehrenhafter Männer nachzugeben und eine Familie zu gründen, verbrachte sie ihre Zeit ausschließlich vor dem Spiegel, kokettierte mit jungen Herren auf Festen und verlachte die Idee der Ehe (“Wozu brauche ich einen Ehemann?”). Eines Tages verfluchte sie ihr eigener Vater, der ihre Leichtfertigkeit und Ignoranz nicht länger ertragen konnte. In derselben Nacht entführten dunkle Mächten Tekla und auf die hohe Brücke zwischen den Türmen der Magdalenenkirche verbannt. Zur Strafe für ihren Müßiggang wurde sie verdammt, die Brücke bis an das Ende der Welt Nacht für Nacht zu fegen.

Keiner konnte in 45 Metern Höhe ihre Rufe hörte. Die Zeit verging und sie alterte einsam in eisiger Kälte; ihr von Ruß und Schmutz bedecktes Gesicht ließ nichts von ihrer einstigen Anmut erahnen. Die junge, gutherzige Hexe Martynka beobachtete die Qualen der alten Tekla und beschloss zu helfen. Auf ihrem Besen flog sie nachts hinab zum Großen Ring und traf dort den Zauberer Michał, der auf allen Vieren in der Dunkelheit seine verlorene Brille und seinen Zauberstab suchte, ohne die er seine Macht verloren hatte. Martynka fand die Gegenstände und reichte sie dem Magier. Als Lohn für diese Tat durfte sie einen Wunsch äußern und forderte die Erlösung Teklas.. Als Martynka zur Brücke zurückkehrte, war Tekla verschwunden. Die Legende besagt, dass Mütter in Breslau jahrhundertelang ihre unfolgsamen oder eitlen Töchter in der Abenddämmerung zur Kirche brachten, um ihnen das Seufzen und das Kratzen des Besens der Büßerinnen als moralische Warnung vorzuführen.
Die Hexenprobe: Ein grausamer Schritt über Leben und Tod
Eine zweite, weitaus blutigere Assoziation der Brücke stammt aus der Ära der Hexenverfolgungen. Beschuldigte Frauen sollen gezwungen worden sein, über den schmalen Steg in extremer Höhe zu gehen. Konnte eine Frau die Brücke ohne zu stolpern und ohne Höhenangst überqueren, wertete die Inquisition dies als unumstößlichen Beweis dafür, dass der Teufel ihr half und sie vor dem Fall bewahrte. Sie wurde als Hexe verurteilt und anschließend auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Verlor sie hingegen aus Panik das Gleichgewicht und stürzte in den sicheren Tod, galt sie postum als unschuldig und ihre Seele als rein.
Sensationeller Ausblick: Das erwartet dich auf der Brücke


Durch eine Tür gelangten wir dann endlich auf die Brücke. Sie ist natürlich nicht besonders lang und auch nicht besonders breit, da sie ja eigentlich nicht als touristische Attraktion konstruiert worden ist. Bei unserem Besuch waren vielleicht 20 weitere Personen mit uns auf der Brücke, mehr hätten es gefühlt auch nicht unbedingt sein sollen. So konnten wir bequem die Aussicht genießen. Es ist wirklich ein sensationeller Ausblick nach Westen (Rathaus, Turm der Elisabethkirche, Großer Ring) und auch nach Osten (Dominsel Ostrów Tumski, Odertal).
Was mich beeindruckt hat war der Blick auf das Kirchendach. Es ist extrem steil, spitz und mit bunten Dachschindeln belegt.

Das Highlight sind aber zwei der berühmten Breslauer Zwerge, die seit 2009 auf der Brüstung ihren Platz gefunden haben. Sie stellen die beiden Figuren der Legende dar: Tekla und die kleine Hexe Martynka. Tekla wird mit einem groben Reisigbesen dargestellt, während Martynka jugendlich forsch mit Spitzhut dargestellt ist. Die Figuren sind heute eines der begehrtesten Fotomotive in der Höhe der Stadt.

Lohnt sich die Breslauer Hexenbrücke?
Ein ganz klares Ja! Auch wenn der Aufstieg über die vielen Stufen etwas anstrengend ist, entschädigt der sensationelle Ausblick über den Großen Ring und das Odertal für jede Mühe. Die niedlichen Zwerge Tekla und Martynka auf der Brüstung sind zudem das perfekte Fotomotiv.
Mein Tipp für die Zeitplanung: Für den Besuch des Kircheninneren und den Aufstieg zur Brücke sollte man insgesamt etwa 45 bis 60 Minuten einplanen. Wer kurz vor Sonnenuntergang kommt, profitiert nicht nur von einem wunderschönen Licht über der Stadt, sondern kann sich auch besonders gut in die düstere Stimmung der alten Legenden hineinversetzen.
Besucherinformationen
Adresse
Szewska 10
50-122 Wrocław
Anfahrt
Die Kirche befindet sich extrem zentral in der Breslauer Altstadt nur einen Block östlich des Großen Rings (Rynek).
Öffnungszeiten
Gottesdienste
Sonntag: 9:30, 11:00 und 18:00 Uhr
In dieser Zeit ist die touristische Besichtigung des Innenraums eingeschränkt, ebenso ist in dieser Zeit der Zugang zum Turm oftmals geschlossen.
Hexenbrücke
Öffnungszeiten Sommersaison (Apr-Okt): Täglich 10 – 20 Uhr
Öffnungszeiten Wintersaison (Nov-März): Täglich 10- 18 Uhr
Eintrittspreise
Kirche
Der Zugang in das Hauptschiff der Kirche zur Besichtigung der Architektur und der Kanzel ist kostenfrei.
Hexenbrücke
Normal: 18 PLN
Ermäßigt: 12 PLN
Bar und Kartenzahlung an der Kasse möglich
Barrierefreiheit
Der Zugang zur Hexenbrücke ist leider nicht barrierefrei. Da es im historischen Gemäuer der Kirche keinen Aufzug gibt, müssen die rund 250 Treppenstufen aus eigener Kraft bewältigt werden. Der Aufstieg im Nordturm ist daher für Rollstuhlfahrer, Kinderwagen oder Menschen mit starken Mobilitätseinschränkungen nicht geeignet.
Zudem solltest du für das Betreten der schmalen Brücke in 45 Metern Höhe zumindest ein wenig schwindelfrei sein.
Der Besuch des Kirchenschiffs im Erdgeschoss ist hingegen ebenerdig und problemlos zugänglich.
Kleidung
Man sollte auf angemessene Kleidung achten (bedeckte Schultern und Knie) und die übliche Stille wahren.
Der Besuch im Besucherzentrum fand im Rahmen einer Kooperation mit der Polish Tourism Organization in Berlin und Wrocław Tourist Organisation statt.
Veröffentlicht: 27. September 2026
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