Als ich aus der Straßenbahn steige und durch den Szczytnicki-Park laufe, ahne ich bereits, dass mich gleich etwas Großes erwartet. Zwischen dem üppigen Grün der Bäume blitzt sie plötzlich auf: die Breslauer Jahrhunderthalle (polnisch: Hala Stulecia). Schon jetzt auf den ersten Blick wirkt der riesige Kuppelbau in der Realität noch viel gewaltiger als auf jedem Foto.

Aber blicken wir zunächst kurz zurück auf die Entstehungsgeschichte dieses Bauwerks.
Der Kampf um den nackten Beton
Anfang des 20. Jahrhunderts herrschte in Breslau Platzmangel. Die Stadt brauchte dringend einen repräsentativen Ort für große Ausstellungen und Feierlichkeiten. Als der 100. Jahrestag der Völkerschlacht bei Leipzig (1813) näher rückte, rief die Stadt einen Wettbewerb aus. Es sollte ein eindrucksvoller Veranstaltungsort entstehen.
Stadtbaurat Max Berg reichte einen Entwurf ein, der die Zeitgenossen regelrecht schockierte. Er wollte keine traditionelle Stahlkonstruktion wie beim Eiffelturm und auch keine klassische Steinarchitektur. Er wollte Stahlbeton verwenden und zwar nackt und sichtbar. Zusätzlich plante er ein Gebäude in einer Größe, das es bis dato aus diesem Baustoff noch nie gegeben hatte.
Die Skepsis war enorm. Viele Experten der damaligen Zeit waren überzeugt, dass das Gebäude in sich zusammenstürzen würde. Die Stadtverordneten zögerten, gaben das Budget (fast zwei Millionen Mark) aber schließlich frei.
Ein Bauprojekt der Superlative
Im August 1911 begannen die Bauarbeiten. Um rechtzeitig fertig zu werden, wurde auch nachts bei künstlicher Beleuchtung gearbeitet. Innerhalb von nur 14 Monaten wurde der gigantische Rohbau hochgezogen.

Ob es wahr ist? Als die Holzverschalungen nach dem Gießen des Betons entfernt werden sollten, weigerten sich die Arbeiter aus Angst vor einem Einsturz angeblich, das Gerüst abzubauen. Max Berg soll daraufhin auf die Straße gegangen sein und Passanten ein Goldstück geboten haben, damit sie ihm beim Abbau halfen. Die Kuppel hielt. Im Mai 1913 wurde die Halle im Rahmen der großen Jahrhundertausstellung eröffnet.
Vom Wunder im Zweiten Weltkrieg zum UNESCO-Welterbe
Breslau wurde zum Ende des Zweiten Weltkriegs bei schweren Kämpfen zu fast 70 Prozent in Schutt und Asche gelegt. Die Jahrhunderthalle blieb wie durch ein Wunder nahezu unbeschädigt. Seit 1948 ist Breslau polnisch (Wrocław).
Die neue Regierung nutzte das intakte, monumentale Gebäude sofort für die “Ausstellung der Wiedergewonnenen Gebiete” (Wystawa Ziem Odzyskanych). Vor der Halle stellte man dafür die markante, 96 Meter hohe Stahlnadel (“Iglica”) auf.

Für ihre wegweisende Rolle in der Geschichte des Betonbaus und der modernen Architektur wurde die Jahrhunderthalle 2006 hochverdient in die Liste des UNESCO-Weltkulturerbes aufgenommen.
Die beeindruckenden Fakten auf einen Blick:
- Kuppelspannweite: 65 Meter (zum Zeitpunkt des Baus die größte der Welt, größer als das Pantheon in Rom).
- Höhe: 42 Meter im Inneren.
- Kapazität: Platz für rund 10.000 Menschen.

Unser Besuch: Auf der Suche nach dem Eingang
Unser Besuch beginnt im Besucherzentrum, das ehrlich gesagt gar nicht so einfach zu finden war. Zwar zeigte ein Plan vor der Halle den ungefähren Standort an, aber alle Türen sahen gleich und verschlossen aus. Selbst der kleine Zwerg, den wir entdeckten (eine typische Breslauer Bronzefigur, die hier den Architekten darstellt), konnte uns zunächst den Weg nicht verraten. Erst an einer recht unscheinbaren Tür, die eher wie ein Notausgang wirkte, entdeckten wir einen Hinweis auf den Eingang.

Im Besucherzentrum bekommt man die Eintrittskarten, die für den Besuch der Dauerausstellung und den Gang in die Jahrhunderthalle gelten.
Mein Tipp: Informiert Euch möglichst vorher, ob die Halle geöffnet ist. Bei unserem ersten Besuch fand dort eine Veranstaltung statt und der Zugang war einige Tage nicht möglich. Wir waren zum Glück länger in der Stadt und konnten so noch einmal dort hin fahren.
Die Dauerausstellung: Geschichte hautnah und interaktiv
Die Ausstellung im Besucherzentrum ist eine modern gestaltete, interaktive Dauerstellung. Sie zeigt auf sehr greifbare Weise, warum dieses Bauwerk in die UNESCO-Welterbeliste aufgenommen wurde.

Hier ist ein Überblick, was uns erwartete:
Virtual Reality (VR) Touren
Das für uns der absolute Höhepunkt. Mit VR-Brillen konnten wir virtuell über die gewaltige Kuppel und die 96 Meter hohe Stahlnadel (Iglica) auf dem Vorplatz fliegen und das gesamte Gelände von oben ansehen. Wir standen mitten in der Kuppel und erhielten schon vorab die Bestätigung: das mussten wir unbedingt in “echt” sehen.

Die Geschichte
Hier erfährt man alles rund um die Planung der Halle und des umliegenden Geländes. Die Entwürfe des Architekten Max Berg und des Stadtplaner Hans Poelzig, der das Gelände um die Halle herum (inklusive des Vier-Kuppel-Pavillons) geplant hat, kann man in historischen Dokumenten, Zeitungsberichten und Bauplänen nachlesen.
Eine besonders charmante Idee sind die historischen Wähltelefone. Wer den Hörer abnimmt, hört Tonaufnahmen und Berichte von Personen, die damals an der Entstehung der Halle und an der großen Eröffnung 1913 beteiligt waren.
3D-Mapping und Animationen
Auf großen Bildschirmen und in speziellen Projektionen (teilweise wie eine Muschel geformt) wird der komplette Bauprozess von der Grundsteinlegung bis zur Fertigstellung visuell Schritt für Schritt nachgebaut.

Gänsehaut-Moment: Der Blick in die Kuppel
Nach soviel Informationen war es dann an der Zeit die Halle von Innen zu besichtigen.

Über einen umlaufenden Gang und einige Treppenstufen gelangen wir in den Tribünenbereich der Breslauer Jahrhunderthalle. Ich lege unwillkürlich den Kopf in den Nacken. Der Blick nach oben in die abgestufte Rippenkuppel ist unbeschreiblich. Die nackten Betonrippen streben in perfekter Symmetrie auf das zentrale Fenster an der Spitze zu. Das Tageslicht, das durch die unzähligen Fensterreihen einfällt, verleiht dem kühlen, grauen Beton eine fast warme, schwebende Leichtigkeit.
Es ist überraschend still hier drinnen, bis ein anderer Besucher anfängt zu klatschen. Der Ton hallt durch die Halle und ich stelle mir vor, wie es sein muss, wenn die Halle voll besetzt ist. Die Akustik und die Atmosphäre sind zweifellos einzigartig.

Etwas schade finde ich, dass man sich “nur” auf einem kleinen Abschnitt der Tribüne aufhalten kann. Ich wäre doch sehr gerne in die Mitte der Breslauer Jahrhunderthalle gegangen. Von dort muss der Blick zur Mitte der gewaltigen Kuppel gigantisch sein.
Das Außengelände: Pergola und Multimedia-Brunnen
Nachdem wir die Halle ausgiebig erkundet hatte, zog es uns nach draußen. Die Halle steht nicht isoliert, sondern bildet das Herzstück eines wunderschönen Ensembles. Das zu entdecken, darf man einfach nicht verpassen!

Wir spazieren entlang der halbkreisförmigen Pergola, die an einen antiken Säulengang erinnert und malerisch von Weinranken umhüllt ist. Hier ist es wunderbar schattig und die Luft an heißen Tagen angenehm kühl.

Der absolute Höhepunkt im Außenbereich ist die Wrocławska Fontanna (Breslauer Multimedia-Brunnen). Wir haben Glück und und sind gerade zum richtigen Zeitpunkt vor Ort. Eine der stündlichen Wassershows beginnt. Das Zusammenspiel aus Musik und hunderten Wasserstrahlen beeindruckt mich sehr und oft weiß nicht nicht, wohin ich zuerst schauen soll.

Tipp: Am Abend findet die Show mit einer spektakulären Beleuchtung statt.
Mein Tipp für den Besuch
- Zeit mitbringen: Plane mindestens einen halben Tag ein. Die Halle selbst ist beeindruckend, aber die Umgebung ist es ebenso.
- Die Nachbarschaft erkunden: Direkt gegenüber befindet sich der Breslauer Zoo (mit dem berühmten Afrykarium) und nur wenige Gehminuten entfernt der wunderschöne Japanische Garten (Ogród Japoński). Beides lässt sich perfekt kombinieren!
Besucherinformationen
Adresse
Wystawowa 1,
51-618 Wrocław, Polen
Anfahrt
Mit der Straßenbahn
Vom Stadtzentrum (z.B. vom Hauptbahnhof oder Ring) fahren die Tram-Linien 1, 2, 4 und 10 bis zur Haltestelle Hala Stulecia oder ZOO.
Parken
Es gibt einen kostenpflichtigen Parkplatz direkt an der Halle. Besonders an Wochenenden empfiehlt sich aufgrund des hohen Verkehrsaufkommens die Anreise mit öffentlichen Verkehrsmitteln.
Öffnungszeiten
Besucherzentrum
Sommersaison (April – Oktober)
Dienstag – Sonntag: 10 – 18 Uhr
Wintersaison (November – März)
Dienstag – Sonntag: 10 – 17 Uhr
Wichtiger Hinweis: Da die Halle aktiv für Veranstaltungen genutzt wird, kann der Hauptraum manchmal für den regulären Besichtigungsverkehr gesperrt sein. Ein Blick auf die offizielle Website (halastulecia.pl) vor dem Besuch lohnt sich.
Preise
Ausstellung:
- Regulär: 25 zł
- Ermäßigt: 20 zł
Ausstellung und Besichtigung der Jahrhunderthalle:
- Regulär: 30 zł
- Ermäßigt: 25 zł
Der Zugang zu den Außenanlagen (Pergola und Brunnen) ist kostenlos.
Der Besuch im Besucherzentrum fand im Rahmen einer Kooperation mit der Polish Tourism Organization in Berlin und Wrocław Tourist Organisation statt.
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