Einer der schönsten Orte in Bad Sassendorf ist der Kurpark mit dem beeindruckenden Gradierwerk. Wer dem Alltag entfliehen und im Binnenland echte Meeresluft schnuppern möchte, sollte sich für diesen Ausflug unbedingt Zeit nehmen. Der Park ist weitläufig, überraschend modern und bietet weit mehr als nur klassische Kurort-Romantik.
Auf den Spuren des “Weißen Goldes”: Vom Sälzerplatz ins Grüne
Mein Spaziergang begann am Rande des Ortskerns, am Sälzerplatz. Wo heute Cafés und kleine Boutiquen zum Verweilen einladen, rauchten vor 200 Jahren noch die Schornsteine der Siedehütten. Eine Bronzeplastik des Künstlers Hans Gerd Ruwe, die einen Esel beim mühsamen Abtransport schwerer Salzsäcke darstellt, erinnert an diese Ära der Salzgewinnung.

Wer mehr zur Geschichte des Salzes in der Region erfahren möchte, dem empfehle ich vorab einen kurzen Abstecher in das nahegelegene Museum “Westfälische Salzwelten”.
Nach wenigen Metern betrat ich den Kurpark. Auf gut ausgebauten, barrierearmen Wegen schlenderte ich durch die Anlage. Alte, ausladende Bäume spenden Schatten, und weitläufige Rasenflächen öffnen den Blick. Überall stehen Bänke zum Verweilen.
Mein Tipp: Achte einmal auf die Farbe der Sitzbänke! Wenn eine weiße direkt neben einer blauen Bank steht, fällt sofort ein Höhenunterschied auf. Das ist kein Zufall, sondern bis ins Detail durchdachtes Design. Die höhere blaue Bank eignet sich ideal für Menschen, die nicht so tief sitzen können – etwa nach einer Hüftoperation. So wird Inklusion ganz beiläufig und elegant in die Parklandschaft integriert.


Besonders schön fand ich die vielen Skulpturen, die im Park stehen. Es kam mir fast ein wenig so vor, als ob ich einen Bummel durch eine Kunstgalerie unternommen habe.
Nach der Kunst folgt der Sport. Die Adventure Golf (Minigolf) Anlage liegt am Rand des Parks. Hier findet man auch einen Barfusspark, den ich gleich ausprobiert habe.
Natürlich findet man im Kurpark auch ein Café, dass mit Eis, Kuchen und anderen Leckereien lockt.

Die grüne Lunge des Kurorts: Entlang der Rosenau
Ich folgte dem Lauf der Rosenau. Dieses kleine, beschauliche Flüsschen schlängelt sich malerisch durch den gesamten Kurpark. Enten gleiten über das Wasser und kleine Holzbrücken laden immer wieder dazu ein, die Uferseite zu wechseln.

Je nach Jahreszeit leuchtet der Park in anderen Farben. Besonders im späten Frühling ist der Rhododendronpark ein absolutes Highlight. Als ich in Bad Sassendorf war blühten hunderte Büsche in satten Rosa-, Lila- und Weißtönen. Es lag ein süßlicher, schwerer Duft in der Luft.

Meeresbrise mitten in Westfalen: Das Erlebnis-Gradierwerk
Schon aus der Ferne hörte ich ein sanftes, monotones Plätschern, das mit jedem Schritt lauter wurde. Vor mir steht das 2019 neu errichtete Erlebnis-Gradierwerk.
Exkurs: Was ist eigentlich ein Gradierwerk?
Ein Gradierwerk ist eine Anlage, die ursprünglich zur Salzgewinnung diente, heute aber fast ausschließlich für gesundheitliche Zwecke und zur Entspannung genutzt wird. Optisch erinnert es an eine riesige, langgestreckte Holzwand, die mit unzähligen feinen Ästen gefüllt ist.

Der ursprüngliche Zweck: Salzgewinnung
Bevor man Salz im großen Stil im Bergbau abbaute, wurde es aus salzhaltigem Quellwasser (der sogenannten Sole) gewonnen. Um das Salz nutzbar zu machen, musste das Wasser in großen Pfannen verdampft werden (das Salzsieden). Da das Sieden extrem viel teures Brennholz verbrauchte, suchte man nach einem Weg, den Wasseranteil der Sole vor dem Kochen auf natürliche Weise zu verringern. Genau dafür wurde das Gradierwerk erfunden.
Wie funktioniert ein Gradierwerk?
Der Prozess nutzt einfache physikalische Prinzipien wie Schwerkraft, Wind und Verdunstung. Er lässt sich in vier Schritten zusammenfassen:
Hochpumpen der Sole: Das salzhaltige Quellwasser wird an die Spitze des Holzgerüsts gepumpt.
Das Herabrieseln: Oben wird die Sole über eine Rinne verteilt und tropft langsam durch das dichte Geflecht aus Schwarzdornzweigen nach unten.

Verdunstung durch Wind und Sonne: Durch das Auftreffen auf die vielen kleinen Äste wird die Oberfläche des Wassers extrem vergrößert. Wenn nun der Wind hindurchweht und die Sonne darauf scheint, verdunstet ein großer Teil des Wassers.

Reinigung und Konzentration: Unten kommt eine Sole an, die deutlich weniger Wasser und damit eine viel höhere Salzkonzentration hat. Gleichzeitig bleiben Verunreinigungen (wie Kalk oder Gips) an den Ästen hängen. Früher wurde diese nun hochkonzentrierte Sole in die Saline geleitet und gekocht, bis nur noch das reine Salz übrig war.
Warum baut man heute noch Gradierwerke?
In modernen Kurorten wie Bad Sassendorf nutzt man den positiven Nebeneffekt der Verdunstung: die Erzeugung eines Heilklimas. Wenn die Sole an den Zweigen zerspringt, reichert sich die Luft in der unmittelbaren Umgebung mit feinsten Salzpartikeln (Aerosolen) an.

Die Luft ist hier feucht, kühl und extrem salzhaltig. Das tiefe Einatmen dieser Luft befeuchtet die Atemwege, wirkt durchblutungsfördernd und entzündungshemmend. Kurz gesagt: Es ist ein gigantischer Freiluft-Inhalator.
Architektur trifft auf Gesundheit: Das Bauwerk von 2019
Wer in Bad Sassendorf ein verwittertes, historisches Holzgerüst erwartet, wird überrascht sein. Das heutige Gradierwerk im Kurpark ist ein hochmodernes Erlebnis-Bauwerk, das erst 2019 eingeweiht wurde und in Deutschland in dieser Form als einmalig gilt. Es ist ein begehbares Gebäude, das architektonisch geschickt zum Teil in den öffentlichen Kurpark und zum Teil in die direkt angrenzende “Börde Therme” integriert ist.

Für den Bau des 73 Meter langen und 10 Meter hohen Bauwerks wurden beeindruckende Mengen an natürlichen Materialien verwendet:
- 9.250 laufende Meter Holz bilden das tragende Skelett.
- Auf rund 600 Quadratmetern Fläche wurden 15.600 Schwarzdornbündel per Hand eingesetzt.
- Aus 120 Holzhähnen fließt die wertvolle Natursole stetig über das Reisig.

Das Gradierwerk erstreckt sich über mehrere Etagen. Im Erdgeschoss kann man durchgängig zwischen den Wänden entlang spazieren. Hier rieselt die Sole herab, zerstäubt und reichert die Luft mit feinen Salzaerosolen an. Viele Sitzbänke laden dazu ein, das “Meeresklima” tief einzuatmen.

Die beiden Obergeschosse im Gradierwerk Bad Sassendorf sind nur tagsüber geöffnet. Der Zugang ist kostenfrei über breite Treppen oder barrierefrei per Aufzug erreichbar. Von der obersten Plattform aus bietet sich ein fantastischer Rundumblick über die Baumwipfel des Kurparks und das Tal der Rosenau.
Ein flüssiger Schatz in der Salzluft: Der “Salty Raven” Single Malt
Während ich die Aussicht von der Galerie genoss und mir das Konstrukt genauer ansah, entdeckte ich etwas Ungewöhnliches: Hinter Holzgittern lagern große Eichenfässer mitten in der salzhaltigen Luft. Unter dem Namen “Salty Raven Edition Bad Sassendorf” reift hier ein ganz besonderer Single Malt heran.

Das Projekt ist eine Kooperation zwischen der Gemeinde Bad Sassendorf und der Sauerländer Edelbrennerei. Die Idee: Schottische Whiskys, die direkt an der Küste lagern, erhalten durch die Meeresluft oft eine unverkennbar maritime, salzige Note. Das Gradierwerk in Bad Sassendorf erzeugt künstlich ein ganz ähnliches Meeresklima mitten im Binnenland. Also die perfekte Bedingungen, um diesen Effekt in Westfalen zu replizieren.
Die ersten Fässer, die 2020 und 2021 eingelagert wurden, haben ihre reguläre 3-jährige Reifezeit bereits hinter sich. Sie wurden mit einer kräftigen Trinkstärke von meist 46,2 %-Vol. in 0,7-Liter-Flaschen abgefüllt.
Da die Kapazitäten extrem begrenzt sind (pro Fass entstehen nur knapp 300 Flaschen) und ein Whisky Zeit braucht, läuft der Vertrieb hauptsächlich über ein Zertifikate-System. Man kauft den Whisky quasi “auf dem Papier”, solange er noch reift. Sobald die Reifezeit beendet ist, kann das Zertifikat in Bad Sassendorf oder direkt in der Brennerei gegen die fertige Flasche (0,7 Liter) eingetauscht werden. Auch ein Postversand ist gegen Einsendung des Original-Zertifikats und Übernahme der Versandkosten möglich.

Ich durfte bei einer Verköstigung eine Kostprobe dieses außergewöhnlichen Tropfens genießen. Die leichte Salznote in Kombination mit den runden Malzaromen hat mich absolut überzeugt – ein echtes Stück Bad Sassendorf im Glas.
Besucherinformationen
Adresse
Kurpark Bad Sassendorf
Öffnungszeiten
Das Erdgeschoss ist durchgängig begehbar.
Die beiden Obergeschosse (inkl. Aussichtsplattform) sind nur tagsüber geöffnet.
Eintrittspreise
Der Zugang ist kostenfrei.
Barrierefreiheit
Der gesamte Park verfügt über gut ausgebaute, barrierearme Wege. Spezielle, erhöhte blaue Bänke erleichtern das Setzen und Aufstehen.
Die Obergeschosse des Gradierwerks sind bequem per Aufzug erreichbar.
Der Besuch fand im Rahmen einer Bloggerreise mit Wirtschafts- und Tourismus GmbH Möhnesee, Tagungs- und Kongresszentrum Bad Sassendorf GmbH und Wirtschaft und Marketing Soest GmbH statt. Vielen Dank auch an Tanja für ihre Organisation.
Veröffentlicht: 25. Oktober 2026
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