Auf unserem Roadtrip durch Tschechien war Klatovy (auf Deutsch Klattau) eigentlich nur als kurzer Zwischenstopp geplant. Wir blieben eine Nacht und waren sofort verzaubert. Diese Stadt, nur etwa 40 Kilometer südlich von Pilsen, ist auf jeden Fall einen Besuch wert.
Wo Geschichte lebendig wird: Klatovys Vergangenheit
Die Stadt trägt seit Jahrhunderten den stolzen Beinamen „Tor zum Böhmerwald“, und wir merkten schnell, dass dies weit mehr als nur eine geografische Beschreibung ist. Klatovy lag an einer der wichtigsten Handelswege, der das Königreich Böhmen mit Bayern verband. Man kann sich fast bildlich vorstellen, wie hier ein lebhafter Handel herrschte.
Die offizielle Geschichte der Stadt beginnt etwa das Jahr 1260, als der böhmische König Přemysl Otakar II. sie zur königliche Stadt ernannte. Dieser privilegierte Status legte den Grundstein für einen rasanten Aufstieg. Handel und Handwerk florierten. Es war jedoch der Anbau von Safran, der Klatovy im 16. Jahrhundert zu einer der sieben reichsten Städte Böhmens werden ließ. Safran war als Gewürz und Farbstoff hochgeschätzt und sehr begehrt.
Doch der Reichtum war hart erkämpft. Im 15. Jahrhundert war die Stadt eine Bastion der Hussiten und stand im Zentrum religiöser Konflikte. Der Dreißigjährige Krieg und mehrere verheerende Stadtbrände (1689, 1758 und 1810) vernichteten große Teile der mittelalterlichen Bausubstanz.
Aber genau das macht den heutigen Charme der Stadt aus: Sie ist kein makelloses mittelalterliches Museum. Auf den gotischen Fundamenten der Gründerzeit entstanden Renaissance-Bauten, die nach den Bränden durch den prachtvollen Barock der Gegenreformation überformt wurden.
Eine entscheidende Rolle in der Stadtgeschichte spielten die Jesuiten. Diese kamen 1636 in die Stadt und prägten sie für die nächsten 150 Jahre entscheidend mit. Die Jesuiten machten Klatovy zu einem Zentrum der Rekatholisierung und zu einem bedeutenden Bildungsstandort in der Region. Sie errichteten einen Komplex aus Kirche, Kolleg und Katakomben, der nicht nur die spirituellen, sondern auch die intellektuellen und sogar die existenziellen Bedürfnisse der Bevölkerung ansprach.
Die Highlights von Klatovy: Ein Spaziergang durch die Altstadt
Das historische Zentrum lässt sich wunderbar zu Fuß erkunden. Fast alle Hauptsehenswürdigkeiten drängen sich um den beeindruckenden Hauptplatz.
Náměstí Míru (Friedensplatz)
Das Herz von Klatovy schlägt auf dem Náměstí Míru, dem Friedensplatz. Dieser mit Kopfsteinpflaster belegte Platz ist das geografische Zentrum der Stadt und einer der wichtigsten Orte der Stadt.
Es ist kaum zu glauben, dass hier im Mittelalter einfach Gras wuchs und das Vieh der Bürger weidete. Erst unter Kaiser Karl IV. erhielt der Platz eine erste Befestigung.

Die heutige Bepflasterung ist von den Bürgern der Stadt kurz nach dem Münchner Abkommen und der Errichtung des nationalsozialistischen Protektorats Böhmen und Mähren beschlossen und aus eigenen Mitteln finanziert worden. Bürger und Geschäftsleute kauften symbolisch die Granitblöcke für das neue Pflaster. Wer aufmerksam über den Platz geht, entdeckt in den Stein gesetzte Erinnerungen an Triumphe und Tragödien der Stadtgeschichte:
- Das Pietní Kříž (Gedenkkreuz): Ein dunkles Kreuz aus Steinen markiert die Stelle, an der 1848 das erste Opfer der revolutionären Unruhen fiel.
- Das Mosaik des Turmhelms: Vor dem Rathaus zeigt ein Steinkreis den Umriss der Turmspitze des Schwarzen Turms. Sie wurde 1870 von einem Sturm abgerissen und zerschellte genau hier.
- Das Kreuz des Zimmermanns: Ein kleines weißes Kreuz erinnert an den tragischen Tod des Zimmermannsmeisters Karel Mayer, der 1933 bei Arbeiten vom Turm der Jesuitenkirche stürzte.
Die Barockapotheke “Zum weißen Einhorn”
Direkt am Friedensplatz liegt eines der außergewöhnlichsten Denkmäler Klatovys: die Barockapotheke „Zum weißen Einhorn“ (U Bílého jednorožce).

Ein Schritt über die Schwelle in die Apotheke ist eine Reise in eine andere Zeit. Im Verkaufsraum stehen kunstvoll geschnitzte Regale und Porzellangefäße, in dem einst Tinkturen, Salben und Pulver nach geheimnisvollen Rezepturen gemischt wurden. Das besondere Highlight ist das Objekt, das der Apotheke ihren Namen gab: ein vermeintliches Horn eines Einhorns. Heute weiß man, dass es sich um einen beeindruckenden, spiralförmig gewundenen Stoßzahn eines männlichen Narwals handelt.
Der Schwarze Turm (Černá věž) – Hoch über den Dächern
Der Schwarze Turm ist das Wahrzeichen der Stadt und steht direkt am Friedensplatz. Zwischen 1547 und 1557 wurde der 81 Meter hohe Wachturm direkt neben dem neu erbauten Renaissance-Rathaus errichtet. Er besteht aus massiven, unverputzten Quadern aus Bruchstein, deren dunkle Färbung durch die natürlichen Verwitterung über die Jahrhunderte entstanden ist. Mir ist besonders eine wunderschöne 24-Stunden-Uhr am Turm aufgefallen.

Heute kann man ihn erklimmen – und das ist ein kleines Abenteuer. Die enge Treppe besteht zum Teil aus Holzstiegen und wir mussten bei unserem Weg hinauf nicht nur einmal unseren Kopf einziehen. Auf dem Weg nach oben kommt man an mehreren Tafeln vorbei, auf denen Fragen/Rätsel stehen. Die Lösungen findet man dann am Ende der Treppe in der Türmerstube.
Nach 226 Stufen erreichten wir die oberste Ebene. Erst hier kann man die Eintrittskarten kaufen und dann den engen Umgang des Schwarzen Turms betreten. Was soll ich sagen? Der Aufstieg hat sich gelohnt. Der Blick über die Dächer der Stadt und die dichten Wälder des Böhmerwaldes ist unbeschreiblich.

Auf dem Weg nach unten haben wir uns auch die riesigen Glocken genauer angesehen – ich war froh, dass sie nicht genau in diesem Moment zu schlagen begannen.
Ein historisches Detail erleben die Bewohner von Kalovy und die Gäste, die über Nacht bleiben. Jede Nacht patrouillierte ein Turmwächter auf der Brüstung und hatte die Pflicht, zu jeder vollen Stunde ein Signal zu blasen, um zu zeigen, dass er wachsam war und die Stadt sicher ist.

Das Rathaus (Radnice)
Direkt an den Schwarzen Turm anschließend, bildet das Rathaus den weltlichen Machtpol am Platz. Der Kern des Baus stammt aus der Renaissance-Epoche der 1550er Jahre, wurde aber über die Jahrhunderte mehrfach umgestaltet und präsentiert sich heute im prächtigen Stil der Neorenaissance.

Die Jesuitenkirche der Unbefleckten Empfängnis
Das Herzstück des jesuitischen Wirkens ist die monumentale Kirche der Unbefleckten Empfängnis der Jungfrau Maria und des Heiligen Ignatius, die die Ostseite des Náměstí Míru dominiert.


Besuchen kann man die Kirche nur mit einer Führung, aber mit etwas Glück ist die Tür geöffnet und man kann durch ein Gitter einen Blick hinein werfen. Ihr Grundriss und ihre Gestaltung sind eine direkte Nachbildung der Mutterkirche des Jesuitenordens, Il Gesù in Rom. Die prachtvolle Doppelturmfassade mit ihren drei reich verzierten Portalen ist ein Meisterwerk barocker Baukunst. Der Innenraum wirkte auf mich sehr pompös, ein wahres Zeichen der kirchlichen Machtposition.
Die Katakomben: Ein schaurig-faszinierender Abstieg
Unter dem prächtigen Kirchenschiff verbirgt sich einer der faszinierendsten und unheimlichsten Orte Klatovys: die Katakomben. Unser Tipp: Nicht verpassen! Wir waren absolut begeistert.

Zwischen 1676 und 1783 dienten diese ausgedehnten Krypten als letzte Ruhestätte für Mitglieder des Jesuitenordens sowie für Adlige und wohlhabende Bürger, die dem Orden nahestanden. Das Besondere an diesen Katakomben ist das Phänomen der natürlichen Mumifizierung. Die Jesuiten entwickelten ein ausgeklügeltes Belüftungssystem aus Schächten und Kanälen, das für einen konstanten Luftzug sorgte. Die Leichname wurden in offenen Eichensärgen auf einem Bett aus Hopfen gebettet, der zusätzlich Feuchtigkeit absorbierte. Durch diesen Prozess trockneten die Körper aus, anstatt zu verwesen, und blieben über Jahrhunderte erhalten.

Leider ist bei unsachgemäßen Renovierungsarbeiten in den 1930er Jahren das empfindliche Belüftungssystem zerstört worden.Dadurch ist ein Großteil der damals noch rund 200 Mumien zerfallen.
Heute sind die verbliebenen 30 Mumien Teil einer modernen Ausstellung. Man durchquert eine Luftschleuse und steht dann direkt vor den offenen Särgen. Es ist schon ein gruseliges Gefühl, wenn man sich überlegt, dass dies einmal lebende Menschen waren, deren Körper heute nur noch acht bis zehn Kilogramm wiegen. Ein angeschlossener Museumsbereich erklärt anschaulich die Tätigkeit der Jesuiten in Klatovy.

Weitere Entdeckungen in Klattau
Die Erzdekanatskirche Mariä Geburt
In einer Seitengasse nahe dem Marktplatz steht die Erzdekanatskirche Mariä Geburt, das älteste erhaltene Sakralgebäude der Stadt.
Ihre größte Bedeutung erlangte die Kirche durch ein Ereignis im Jahr 1685, als ein Marienbildnis im Besitz einer hiesigen Familie angeblich Blut schwitzte. Nachdem die katholische Kirche dieses Ereignis als Wunder anerkannte, wurde das Bild, heute bekannt als die „Klattauer Madonna“, in die Kirche überführt. Fortan entwickelte sich Klatovy zu einem bedeutenden Wallfahrtsort, der Pilger aus nah und fern anzog und den Ruhm der Stadt als Zentrum des katholischen Glaubens in Westböhmen festigte.
Der Weiße Turm (Bílá věž)
Im Osten der Altstadt steht der Weiße Turm. Er stellt das Gegenstück zum Schwarzen Turm dar. Der Weiße Turm wurde 1581, nur wenige Jahrzehnte nach dem Schwarzen Turm errichtet. Er diente als freistehender Glockenturm (Campanile) und als Eingangstor zum Friedhof. Nach dem großen Stadtbrand von 1758 wurde der Turm erhöht und erhielt seine heutige barocke Form.

Die Stadtbefestigung (Městské opevnění)
An mehreren Stellen in der Stadt sind noch heute eindrucksvolle Reste der mittelalterlichen Stadtbefestigung aus dem 14. und 15. Jahrhundert zu sehen. Ein Spaziergang entlang dieser alten Mauern ist wie eine Reise zurück in eine Zeit.

Alle Top-Sehenswürdigkeiten auf einen Blick
| Sehenswürdigkeit | Erbauungszeit | Kurzbeschreibung & Bedeutung |
| Schwarzer Turm (Černá věž) | 1547–1557 | 81 Meter hoher städtischer Wachturm, Symbol für den Reichtum und die Wehrhaftigkeit der Stadt im 16. Jahrhundert. |
| Jesuitenkirche & Katakomben | ab 1656 | Monumentaler Kirchenbau nach römischem Vorbild; unterirdische Krypten mit natürlich mumifizierten Leichnamen. |
| Barockapotheke “Zum weißen Einhorn” | 17./18. Jh. | Nahezu vollständig erhaltene historische Apotheke mit originaler Einrichtung; heute ein Museum von internationalem Rang. |
| Weißer Turm (Bílá věž) | 1581 | Kirchlicher Glockenturm, der nach einem Brand erhöht und später mit einem Portal der benachbarten Kirche versehen wurde. |
| Rathaus (Radnice) | ab 1557 | Repräsentativer Sitz der Stadtverwaltung, der über die Jahrhunderte mehrfach umgestaltet wurde und verschiedene Stile vereint. |
| Erzdekanatskirche Mariä Geburt | ab 13. Jh. | Ältestes Kirchengebäude der Stadt und bedeutender Wallfahrtsort aufgrund des Gnadenbildes der “Klattauer Madonna”. |

Unsere persönlichen Tipps für Klatovy
Kulinarische Tipps
Die böhmische Küche ist deftig und köstlich. Halten Sie in den lokalen Restaurants Ausschau nach regionalen Spezialitäten. Ein Muss ist die Kulajda, eine sämige Pilz-Kartoffel-Suppe mit Dill und einem pochierten Ei, die typisch für den Böhmerwald ist. Ansonsten empfehlen sich Klassiker wie Svíčková (Lendenbraten in Sahnesauce mit Preiselbeeren) oder ein einfaches, aber perfektes Smažený sýr (panierter, frittierter Käse) mit Tatarensauce.
Übernachten in Klatovy – Unser Tipp: Pension Kotva
Wir haben eine Nacht in der kleinen Pension Kotva übernachtet. Das Zimmer direkt unter dem Dach war groß, zwar einfach eingerichtet und blitzsauber. Wir haben uns sofort wohl gefühlt.
Der Clou für uns: Im Haus befindet sich eine urige Kneipe, die ab 16 Uhr geöffnet hat. Hier saßen wir am Abend zwischen lauter Einheimischen und haben das hervorragende lokale Bier genossen – der ideale Ausklang nach einem Tag voller Entdeckungen.

Das Frühstück wird morgens in dem Gastraum der Kneipe angeboten. Es war reichhaltig, abwechslungsreich und der Kaffee hat geschmeckt!

Ein Hinweis für die Autofahrer: In der Straße bei der Pension befinden sich nur Anwohnerparkplätze. Das Auto kann man kostenpflichtig auf den Náměstí Míru, dem Friedensplatz abstellen. In den Abendstunden parkt man kostenfrei.
Ausflugstipps in der Nähe
Wasserburg Švihov (Schwihau):
Nur etwa 10 km nördlich liegt diese perfekt erhaltene spätgotische Wasserburg, die oft als Filmkulisse (z.B. für “Drei Haselnüsse für Aschenbrödel”) dient.
Vielen Dank an Czech Tourismus für die Organisation der Unterkunft und die Tipps für den Aufenthalt.
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