Mein Spaziergang über den von alten Linden gesäumten Soester Stadtwall entführt mich in die Vergangenheit der Stadt. Die historischen Wallanlagen von Soest sind ein gewaltiges Bauwerk aus grünem Sandstein, der einst die Stadt schützte und bis heute erstaunlich gut erhalten ist.

Wie Soest zu seiner Wallanlage kam
Im späten 12. Jahrhundert war Soest eine wahre Großmacht. Angetrieben von Philipp von Heinsberg, dem damaligen Erzbischof von Köln, wurde die Stadt ab 1180 zur unangefochtenen Hauptstadt seines westfälischen Herrschaftsgebiets ausgebaut. Soest erreichte damals eine gewaltige Ausdehnung von rund 255 Morgen. Für eine mittelalterliche Stadt ein gewaltige Größe.
Um diesen Wohlstand zu schützen, brauchte die Stadt ein militärischen Meisterwerk. Auf einer Länge von knapp vier Kilometern zog man einen Ring aus dem typischen, regionalen grünen Sandstein um die Siedlung.

Ein tödlicher Hindernisparcours oder wie war die Verteidigung aufgebaut?
Soest war im Mittelalter im Gegensatz zu anderen Städten richtig gut geschützt. Das Verteidigungssystem war ein hochkomplexer Albtraum für jeden Angreifer.

- Die Vormauer: Eine niedrigere, äußere Mauer war die die erste Bastion. Sie zwang die Feinde frühzeitig in Deckung und bremste den Einsatz von Rammböcken.
- Die Gräfte (Der Stadtgraben): Das war kein wassergefüllter Burggraben. Die Soester Gräfte war ein künstlich angelegter, trockener, aber extrem sumpfiger und unwegsamer Schlammparcours. Feindliche Truppen und Belagerungsmaschinen blieben schnell stecken und waren lange dem Feuer der Verteidiger ausgesetzt.
- Die Hauptmauer: Eine massiv aufgemauerte, steile Wand. Auf ihrer Innenseite verlief ein durchgehender hölzerner Wehrgang, auf dem die Verteidiger schnell Truppen und Munition von einem Brennpunkt zum nächsten verschieben konnten.
- Türme und Tore: Zehn Tore dienten als wehrhafte Nadelöhre und lukrative Zollstationen. Dazwischen ragten halbrunde Wehrtürme hervor.

Die Feuerprobe: Die Soester Fehde (1444–1449)
Ihre absolute Belastungsprobe erlebte die Anlage Mitte des 15. Jahrhunderts. Die Soestes war reich geworden, und wollten nach den eigenen Vorstellungen leben. Sie kündigten ihrem Kölner Landesherrn, Erzbischof Dietrich von Moers, die Gefolgschaft auf und schlossen sich Herzog Johann von Kleve an. Eine Provokation, die Folgen hatte!
Der Erzbischof schäumte vor Wut und zog 1447 mit einem riesigen Söldnerheer vor die Stadt. Es kam zum “großen Sturm auf Soest”. Rammböcke, Artillerie und tausende Soldaten griffen die Stadt an. Vergeblich! Die Verteidigungsanlagen hielten stand. Die Kombination aus Gräfte, massiven Mauern und dem Einsatz von Armbrüsten und frühen Feuerwaffen durch die Soester Bürger zwang das übermächtige Belagerungsheer schließlich zum Rückzug. Die Soester Fehde ging als einer der weitreichendsten militärischen Konflikte dieser Zeit in die Geschichte ein.
Vom steinernen Bollwerk zur grünen Oase
Als im 17. Jahrhundert mobile, schwere Kanonen aufkamen, wurden hohe Steinmauern nutzlos. Im Falle eines Angriffes wären die Mauer in Soest einfach zersplittert. Doch statt ihre Mauer wie viele andere Städte komplett abzureißen, bewiesen die Soester Erfindungsgeist.
Im 18. Jahrhundert pflanzte man Maulbeerbäume auf dem Wall. Es war der Versuch eine eigene Seidenproduktion aufzubauen. Das Experiment scheiterte und so entschied man sich Linden zu pflanzen. Der Wall verwandelte sich in die „grüne Lunge“ der Stadt.

Im 19. Jahrhundert kappte man die enorm hohen Mauern. Der Wall wurde breiter und man schuf eine repräsentative Promenade für die Bürger. Diese besteht zum großen Teil bis heute. Später musste der Nordteil der Mauer dem Bau des neuen Bahnhofs weichen. Die Stadttore waren zu eng für den modernen Verkehr und wurden zum Teil abgerissen.
Was ist heute vom Stadtwall noch übrig?
Heute ist der Wall ein Ort der Erholung. Wo einst Pfeile regneten und Soldaten in der sumpfigen Gräfte kämpften, spielen heute Kinder in ruhigen Parks. Ein Spaziergang führt mich am malerischen Rosengarten am Dasselwall vorbei. An anderen Stellen blicke ich von unten auf rohes, verwittertes Mauerwerk hinauf und entdecke die letzten stillen Zeugen der einstigen Verteidigungslinie.
Der Kattenturm (erbaut 1230)
Im südlichen Bereich der Altstadt, am Jakobi-Ulricher-Wall unweit des ehemaligen Ulricher Tors, bleibe ich staunend stehen. Der Kattenturm ist der einzige von ehemals 36 inneren Wehrtürmen, der die Jahrhunderte überdauert hat.

Früher erreichte die Garnison die sechs Stockwerke dieses Riesen nur über Holzleitern. Das war ein genialer Schachzug: Bei einem Angriff zog man die Leitern einfach hoch, und der Feind saß in der Falle. Zur Stadtseite hin ist der Turm übrigens komplett offen. Hätten Feinde den Turm erobert, hätten sie im Inneren keine Deckung gefunden und ihn nicht als Brückenkopf gegen die Stadt nutzen können. Dass er heute so befremdlich wuchtig und isoliert wirkt, liegt nur daran, dass die angrenzende Mauer im 19. Jahrhundert abgetragen wurde.
Das Osthofentor und sein Museum
Von den ehemals zehn mächtigen Stadttoren, die den Gürtel um Soest verschlossen, ist das Osthofentor als einziges erhalten. Und ein Blick ins Innere lohnt sich!

Nur über die schmalen, ausgetretenen Treppen des Turms erreiche ich den Ausstellungsbereich. Seit Beginn der 1980er Jahre befindet sich hier ein modern konzipiertes wehrgeschichtliches Museum. Es räumt ehrlich mit der romantisierten Vorstellung des Rittertums auf und zeigt schonungslos das “schmutzige Handwerk” des Krieges.

Ich war beim Rundgang besonders begeistert von dem originalen Bestand von über 25.000 Armbrustbolzen. Diese unglaubliche Menge verdeutlicht auf einen Schlag die industrielle und handwerkliche Dimension der spätmittelalterlichen Munitionsproduktion in einer reichen Hansestadt wie Soest.
Ein weiteres, etwas kurioses Detail in der Sammlung fiel mir auch gleich ins Auge: das historische Plumpsklo im Turm. Steht man davor, kann man durch das offene Loch direkt hinab auf den darunter liegenden Gehweg schauen. Klar, das Loch ist heute mit einer dicken, durchsichtigen Glasplatte gesichert. Aber als ich später das Tor umrundete, überlegte ich es mir kurz und machte – rein “vorsichtshalber” – doch lieber einen kleinen Bogen um die Stelle direkt unter dem alten Örtchen.


Tipp für den Besuch: Das Museum öffnet im Sommer (Apr-Sep) Di-Fr 14-16 Uhr, am Wochenende 11-13 & 15-17 Uhr. Im Winter (Okt-Mär) Mi 14-16 Uhr & So 11-13 Uhr.
Der Besuch in Soest fand im Rahmen einer Bloggerreise mit Wirtschafts- und Tourismus GmbH Möhnesee, Tagungs- und Kongresszentrum Bad Sassendorf GmbH und Wirtschaft und Marketing Soest GmbH statt. Vielen Dank auch an Tanja für ihre Organisation.
Schreibe einen Kommentar