Ganz ehrlich? Chemnitz hatte ich bisher kaum auf dem Schirm. “Rußchamtz”, das sächsische Manchester, und natürlich Karl-Marx-Stadt – die Klischees kannte ich. Aber eine Stadt, die sich nach all diesen Brüchen gerade neu erfindet? Das wollte ich selbst sehen. Also, auf zu einem Tag in Chemnitz – einer Stadt, die mich wirklich überrascht hat.
Start am Roten Turm: Wo Geschichte auf Spülmittel trifft
Mein Rundgang beginnt am ältesten erhaltenen Bauwerk der Stadt, dem Roten Turm. Errichtet im späten 12. Jahrhundert, diente er ursprünglich als Bergfried zur Verteidigung der Siedlung und später als Amtssitz des Stadtvogts. Er war also ein frühes Zentrum von Macht, Verwaltung und Rechtsprechung. Sein Name leitet sich vom Baumaterial ab, einem rötlichen Porphyrtuff. Das aufgesetzte Backsteingeschoss kam erst Ende des 15. Jahrhunderts hinzu und verleiht dem 35 Meter hohen Turm seine heutige markante Gestalt.

Über Jahrhunderte diente der Rote Turm im Chemnitz als Stadtgefängnis. Unter seinen Insassen waren so prominente Personen wie der sozialdemokratische Vordenker August Bebel und der sächsische Volksheld und Wilderer Karl Stülpner. Im Zweiten Weltkrieg brannte der Turm bei den Luftangriffen auf Chemnitz aus, wurde aber zwischen 1957 und 1959 wiederaufgebaut.
Aber die beste Anekdote erfuhr ich nebenbei: Ich musste schmunzeln, als ich las, dass die unverwechselbare Form des Turms seit 1968 als Vorbild für die Kult-Spülmittelflasche “fit” dient. DDR-Design-Inspiration vom Feinsten!
Das Doppelrathaus
Weiter geht’s über den Neumarkt, und hier stehe ich vor einer echten architektonischen Besonderheit: dem Chemnitzer Doppelrathaus. Mein erster Gedanke: Moment mal, warum sieht das “Alte Rathaus” neuer aus als das “Neue”?
Das Ensemble besteht aus dem Alten Rathaus aus dem späten 15. Jahrhundert und dem direkt angebauten Neuen Rathaus, das Anfang des 20. Jahrhunderts errichtet wurde. Der Bau des Neuen Rathauses war eine direkte Folge der Bevölkerungsexplosion, die durch die Industrialisierung ausgelöst wurde.

Auf den ersten Blick bin ich verwirrt. Das Alte Rathaus wirkt neuer als das Neue. Dies liegt daran, dass das Neue Rathaus die Bombenangriffe von 1945 weitgehend unbeschadet überstand, während das Alte Rathaus stark zerstört und danach wiederaufgebaut wurde.
Das Alte Rathaus besticht vor allem durch sein Renaissanceportal am Fuße des Turms, das mit den Halbreliefs der biblischen Heldin Judith und der römischen Sagengestalt Lucretia verziert ist. Das Neue Rathaus, erbaut von 1907 bis 1911 zeugt von wachsenden bürgerlichen Selbstbewusstseins der florierenden Industriestadt. An seiner Fassade wacht ein fünf Meter hoher Roland, eine traditionelle Symbolfigur für städtische Freiheit und Marktrecht. Mir wurde eine Führung durch die prächtigen Jugendstil-Säle empfohlen – das hebe ich mir fürs nächste Mal auf.

Vom Turm des Neuen Rathauses erklingt mehrmals täglich ein Carillon mit 48 Glocken und dessen Melodien von Volksliedern bis hin zur Titelmusik von Harry Potter reichen. Ich finde das hat was: in Chemnitz der Melodie von Harry Potter zu lauschen. Skurril und sympathisch.
Wer einen Überblick über die Stadt gewinnen möchte, kann an einer Führung auf den Hohen Turm teilnehmen, der zum Alten Rathaus gehört. Buchungen sind über die Tourist-Information direkt im Rathaus möglich.
Stadtkirche St. Jakobi
Direkt hinter dem Rathaus werfe ich einen Blick in die Stadtkirche St. Jakobi. Sie ist die älteste erhaltene Kirche der Stadt und wurde zwischen 1350 und 1412 als hochgotische Hallenkirche erbaut. Über Jahrhunderte war sie die Kirche des Rates und der Bürgerschaft und bildete zusammen mit dem Rathaus das geistig-kulturelle Zentrum der Stadt. Im Zweiten Weltkrieg wurde die Kirche stark beschädigt, insbesondere das Langhaus brannte aus. Der Chorraum wurde bis 1949 wiederhergestellt und vom Rest des Kirchenschiffs abgetrennt. Das Langhaus wurde erst in den 2000er Jahren wiederaufgebaut und 2009 neu geweiht.
Sie wirkt von außen fast bescheiden, es lohnt sich aber einen Blick hinein zu werfen.

Der “Nischel”: Ein Kopf, dem man nicht entkommt
Jetzt aber zum Wahrzeichen, auf das ich am meisten gespannt war. Ich biege von der Straße der Nationen ab und… wow. Da ist es: das Karl-Marx-Monument, der Nischel (sächsisch für Kopf oder Schädel).
Das Ding ist riesig! Man kann sich dem Blick von Karl Marx kaum entziehen. Der bronzene Kopf allein ist 7,1 Meter hoch; zusammen mit dem Sockel aus ukrainischem Granit ragt das Denkmal über 13 Meter in die Höhe und wiegt rund 40 Tonnen. Es gilt als die zweitgrößte Porträtbüste der Welt, übertroffen nur von einer Lenin-Statue in Russland.

Die Entstehungsgeschichte des Monuments ist mit der Umbenennung der Stadt in Karl-Marx-Stadt im Jahr 1953 verknüpft. Die DDR-Führung beauftragte den sowjetischen Bildhauer Lew Kerbel mit der Gestaltung. Die 95 Einzelteile aus Bronze wurden in einer Gießerei in Leningrad (dem heutigen St. Petersburg) gefertigt und anschließend in Karl-Marx-Stadt zusammengeschweißt. Am 9. Oktober 1971 wurde das Monument vor rund 250.000 Menschen feierlich eingeweiht. Untrennbar mit dem Kopf verbunden ist die Wand dahinter, auf der der berühmte Schlusssatz aus dem Kommunistischen Manifest, “Proletarier aller Länder vereinigt euch!”, in vier Sprachen – Deutsch, Russisch, Englisch und Französisch – prangt.
Nach der Wiedervereinigung 1990 entbrannte eine heftige Debatte über die Zukunft des Monuments. Forderungen nach Abriss oder Verkauf standen im Raum, doch die Stadt entschied sich, es zu behalten. Statt die Geschichte zu verstecken, stellt man sich ihr. Heute ist der “Nischel” ein beliebter Treffpunkt für Skater, eine beeindruckende Kulisse für Konzerte und Demonstrationen und das wohl meistfotografierte Motiv der Stadt.
Kontraste: Ostmoderne und Gründerzeit-Pracht
Rund um den “Nischel” spüre ich die DDR-Vergangenheit auf Schritt und Tritt. Dieses ganze Areal ist ein Zeugnis der sozialistischen Musterstadt. Der architektonische Stil dieser Epoche, die sogenannte Ostmoderne, prägt das gesamte Areal mit klaren Linien, seriellen Fassaden und dem Einsatz von Beton als Gestaltungselement. Man mag den Stil oder nicht, aber er prägt das Stadtbild unverkennbar.

Dominantestes Bauwerk ist der 1974 eröffnete Multifunktionskomplex der Stadthalle mit dem angrenzenden, 26-stöckigen Kongresshotel.
Rund um den Theaterplatz
Nur ein paar Schritte weiter ändert sich die Szenerie komplett. Der Theaterplatz ist eine ganz andere Welt und ein Kontrast zur Beton-Moderne. Der Platz gilt als eines der schönsten und architektonisch geschlossensten Ensembles in Deutschland. Hier fühlt es sich fast großstädtisch-elegant an.
Der Platz wurde Anfang des 20. Jahrhunderts zu einem repräsentativen Kulturforum ausgebaut. Im Sommer verwandelt er sich in eine riesige Freilichtbühne für die beliebten “Filmnächte” und klassische Konzerte unter dem Sternenhimmel.

Das Herzstück des Platzes ist das prachtvolle Opernhaus. Im Zweiten Weltkrieg wurde der Bau schwer beschädigt und sein Inneres zerstört, doch bereits 1951 konnte er wiedereröffnet werden. Als Fünfspartentheater bieten die Städtischen Theater Chemnitz ein breites Programm von Oper und Ballett über Philharmoniekonzerte bis hin zu Schauspiel und Figurentheater.
Direkt gegenüber dem Opernhaus befindet sich das König-Albert-Museum, das die Hauptsammlung der Kunstsammlungen Chemnitz beherbergt. Mit rund 70.000 Objekten vom 16. bis zum 21. Jahrhundert zählt es zu den bedeutendsten kommunalen Kunstmuseen Deutschlands. Ein besonderer Fokus gilt dem in Chemnitz geborenen Künstler Karl Schmidt-Rottluff. Daneben finden sich Werke von Weltrang, unter anderem von Ernst Ludwig Kirchner, Edvard Munch, Lovis Corinth und Georg Baselitz. Ich hatte das Glück dort eine Sonderausstellung besuchen zu können. Die Bilder von Edvard Munch waren sehr beeindruckensd.
Den architektonischen Rahmen des Platzes vervollständigt die neugotische St. Petrikirche. 1888 erbaut, war sie das erste monumentale Gebäude an diesem Ort. Ihr 82 Meter hohen Turm ist der höchsten der Stadt.

DAS TIETZ: Vom Kaufhaus zum Kultur-Palast
Auf dem Weg zurück schlendere ich noch am TIETZ vorbei.
Das Gebäude wurde 1912-1913 nach Plänen des Architekten Wilhelm Kreis als modernes Warenhaus des jüdischen Konzerns H. & C. Tietz AG eröffnet. Es ist erstaunlich, wie sehr sich die TIETZ Kaufhäuser in den verschiedenen Städten ähneln. Es fühlt sich fast ein bißchen wie ein Besuch auf dem heimischen Ku-Damm mit dem Blick zum KaDeWe an, als ich das Gebäude sehe.
1938 wurden die jüdischen Eigentümer von den Nationalsozialisten enteignet und das Kaufhaus geschlossen. Nach dem Krieg und in der DDR-Zeit wurde es unter anderem als HO-Centrum-Warenhaus genutzt. Nach aufwendiger Sanierung wurde es 2004 als Kulturkaufhaus “DAS TIETZ” neu eröffnet.

Das TIETZ vereint heute mehrere wichtige Institutionen unter einem Dach:
- Museum für Naturkunde Chemnitz: Weltbekannt für seine einzigartige Sammlung versteinerter Bäume, den “Versteinerten Wald”, der im großen Lichthof des Gebäudes ausgestellt ist.
- Stadtbibliothek Chemnitz: Die Hauptbibliothek der Stadt mit einem breiten Medienangebot.
- Volkshochschule (VHS) Chemnitz: Das größte Weiterbildungszentrum der Region.
- Neue Sächsische Galerie: Ein Museum für zeitgenössische Kunst mit Fokus auf sächsische Künstler.
Chemnitz Hauptbahnhof
Mein Tag endet am Hauptbahnhof. Der Chemnitzer Hauptbahnhof ist der wichtigste Eisenbahnknotenpunkt der Stadt und ein wunderschönes Beispiel für die Verbindung von historischer und moderner Architektur. Der erste Bahnhof an dieser Stelle wurde 1852 eröffnet. Das heutige, repräsentative Empfangsgebäude im Stil des Neobarock (Historismus) stammt aus dem Jahr 1872. Die ursprüngliche Bahnsteighalle von 1910 wurde im Zweiten Weltkrieg stark beschädigt und in den 1970er Jahren durch einen modernen Neubau ersetzt.
Pause muss sein: Meine Restaurant-Tipps
Ein Stadtrundgang macht hungrig und durstig. Chemnitz bietet eine vielfältige Gastronomieszene, die für jeden Geschmack und Geldbeutel etwas bereithält. Hier eine Auswahl an Empfehlungen entlang der Route:
- Turmbrauhaus: Direkt im Zentrum gelegen, bietet dieses Restaurant deftige deutsche Küche und selbstgebrautes Bier in rustikalem Ambiente.
- alexxanders: In der Nähe des Hauptbahnhofs gelegen. Das Restaurant bietet gehobene Küche mit Fisch- und Fleischgerichten.
- La Bouchée: Ein charmantes französisches Bistro in der Inneren Klosterstraße, ideal für ein Croissant am Morgen, ein Mittagsmenü oder klassische Gerichte wie Boeuf Bourguignon am Abend.
- Janssen Restaurant: In einer ehemaligen Fabrik am Chemnitzfluss gelegen, serviert dieses Restaurant moderne, internationale Küche auf einer großzügigen Terrasse.
- Café Dreamers: Der Treffpunkt auf dem Brühl für leckeren Kaffee und Kuchen in entspannter Atmosphäre.1
Mein Fazit
Mein Fazit nach einem Tag: Chemnitz ist keine Schönheit, die einem sofort um den Hals fällt. Man muss ein bisschen genauer hinschauen. Aber genau das macht den Reiz aus. Die Stadt ist voller Brüche, voller Geschichte und steckt mitten in einem unglaublich spannenden Wandel. Ich komme definitiv wieder!
Der Besuch in Chemnitz fand im Rahmen einer Pressereise statt.
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