Ein echter Geheimtipp in Tschechien ist Žatec (Saaz)! Die kleine Stadt ist die heimliche Welthauptstadt des Hopfens. Ein Spaziergang durch die historischen Gassen zeigt schnell: Die Sehenswürdigkeiten in Žatec haben ihren ganz eigenen Charme. Vom kleinsten Hopfenfeld der Welt über eine heldenhaft gerettete Synagoge bis zu einer Uhr, die den Biergenuss feiert. Wir haben einen unvergesslichen Tagesausflug nach Žatec erlebt.
Das Herzstück: Der Marktplatz (Náměstí Svobody)
Jede gute Erkundungstour beginnt im Zentrum, und der Marktplatz (Náměstí Svobody, Freiheitsplatz) ist das absolute historische und architektonische Herzstück der Stadt. Kaum zu glauben, aber der Grundriss dieses Platzes stammt aus dem 13. Jahrhundert und hat sich seitdem so gut wie gar nicht verändert! Ein Spaziergang rund um den Platz lohnt sich, denn hier reihen sich gleich mehrere beeindruckende Sehenswürdigkeiten in Žatec aneinander.
Das historische Rathaus (Radnice) & der Rathausturm
Direkt auf der Nordseite zieht das Rathaus alle Blicke auf sich. Es wurde erstmals 1362 urkundlich erwähnt. Ursprünglich wurde es nicht als Rathaus, sondern von reichen Bürgern als Tuchmarkthalle erbaut. Erst später zog die Stadtverwaltung dort ein. Der 47 Meter hohe Rathausturm war früher Teil der Stadtbefestigung und diente im 16. Jahrhundert sogar als Stadtgefängnis.

Guckt man etwas genauer hin, bemerkt man, dass das Gebäude ein architektonischer Mix aus verschiedenen Epochen ist: Gotische Grundmauern, eine spätbarocke Überarbeitung und eine klassizistische Fassade aus dem 19. Jahrhundert. Der Grund dafür: Das Gebäude ist sechsmal abgebrannt!
Die Bürgerhäuser und ihre Laubengänge
Die Häuserreihen, die den Platz einrahmen, sind klassische mittelalterliche Patrizier- und Bürgerhäuser. Die Fassaden sind im Laufe der Zeit barockisiert oder klassizistisch überformt worden. Der Grundriss der Häuser ist allerdings sehr typisch. Sie stehen auf typisch mittelalterlichen, sehr schmalen, aber extrem tiefen Parzellen.
Besonders auf der Ost- und Südseite haben wir uns in die malerischen Laubengänge (Arkaden) verliebt. Früher boten sie Kaufleuten Schutz vor Wind und Wetter, heute laden sie zum Flanieren ein.

Ein kleines Geheimnis: Unter diesen Häusern verbirgt sich ein riesiges, teils mehrstöckiges Labyrinth aus historischen Kellern. Diese Gewölbe erstrecken sich bis weit unter die Laubengänge und dienten früher der kühlen Lagerung von Bier und Hopfen.
Die barocke Dreifaltigkeitssäule (Sloup Nejsvětější Trojice)
Mitten auf dem Marktplatz ragt eine der wichtigsten historischen Sehenswürdigkeiten in Žatec in den Himmel: die Dreifaltigkeitssäule. Sie ist ein klassisches Beispiel für eine barocke Pestsäule.
Wie viele ähnliche Säulen in Mitteleuropa wurde sie als Dank und zum Schutz vor verheerenden Pestepidemien errichtet. Gebaut wurde sie aus Sandstein in den Jahren 1707 bis 1713. Ein Großteil der Baukosten wurde durch eine Spende des örtlichen Apothekers finanziert. Als Dank für die Spende befindet sich eine Wappenkartusche, auf der der Apotheker und seine Frau betend dargestellt sind auf der Säule.

Ganz oben thront unter einem kupfernen Kreuz die Heilige Dreifaltigkeit: Gottvater sitzt auf einer Weltkugel, Jesus an seiner rechten Seite und der Heilige Geist wird symbolisch durch eine Taube zu ihren Füßen dargestellt.
Ein kleines, augenzwinkerndes Detail in der Nähe
In der Nähe der Säule findet man im Kopfsteinpflaster eine Gedenktafel für das “Grab des ältesten Biertrinkers der Welt”. Es erinnert an einen “archäologischen Fund” eines Skeletts mit einem kleinen Tonkrug, der hier – sehr passend zum Humor der Stadt – an einem 1. April gemacht wurde.
Das kleinste Hopfenfeld der Welt
Nur ein paar Schritte von der Säule entfernt, direkt beim Rathaus, befindet sich das kleinste Hopfenfeld der Welt. Das Feld misst gerade einmal etwa 70 Quadratmeter. Es bietet Platz für ein typisches Drahtgerüst mit sechs Holzmasten, an denen die Reben emporklettern. Hier wachsen rund 113 Pflanzen der berühmtesten lokalen Sorte: Der “Saazer Frührote” (Žatecký poloraný červeňák).
Das Feld wird professionell vom Žatecer Hopfeninstitut (Chmelařský institut) gepflegt. Die Experten führen hier exakt die gleichen Arbeiten (Schneiden, Anleiten, Düngen) durch wie auf den riesigen Feldern vor der Stadt.

Das Hopfenfeld ist nicht nur zum Anschauen da, der Hopfen wird tatsächlich geerntet! Das passiert jedes Jahr Ende August oder Anfang September während des traditionelle Hopfen- und Bierfest in Žatec. Zehntausende Besucher strömen in die Stadt, und das Pflücken der Dolden an diesem kleinsten Hopfenfeld der Welt ist einer der feierlichen und symbolischen Höhepunkte des gesamten Festes.
Synagoge von Žatec
Für uns ein absolutes Must-See unter den Sehenswürdigkeiten in Žatec! Sie ist die zweitgrößte Synagoge in Tschechien (nach der Synagoge von Pilsen) und wurde nach langer Restaurierung wunderschön wiederhergestellt.

Als die Synagoge 1872 nach den Plänen des Baumeisters Johann Staniek (Staněk) eingeweiht wurde, war sie ein echtes architektonisches Statement. Damals war der Bau in der ganzen Region berühmt für seine herausragende Akustik. Die wohlhabenden jüdischen Familien der Stadt ließen sie später im Inneren noch mit prächtigen Wandmalereien ausstatten.
Während der Novemberpogrome 1938 wurde sie von den Nationalsozialisten in Brand gesteckt und geplündert. Nach dem Zweiten Weltkrieg kehrten kaum noch jüdische Bürger nach Žatec zurück. Das Gebäude verlor seinen ursprünglichen Zweck. Während der kommunistischen Ära wurde es unter anderem als Lagerhalle, Zivilschutzlager und als Kulisse für Filmdrehs genutzt.

Bis 2012 war das Gebäude eine abrissreife Ruine. Dann kaufte ein Unternehmer aus einer Nachbarstadt die Synagoge und das angrenzende Rabbinerhaus auf einer öffentlichen Auktion für umgerechnet etwa 140.000 Euro. Bei der Eröffnung nannte ihn der Bürgermeister von Žatec liebevoll “verrückt”, weil er sich diese Mammutaufgabe als Privatperson aufbürdete. Mit viel Herzblut, Krediten, Spenden und EU-Fördermitteln ließ er den Komplex für über 2 Millionen Euro aufwendig restaurieren.
Heute erwartet den Besucher kein reines Gotteshaus mehr, sondern ein Kultur- und Museumsraum. Hier erfährt man alles über die Geschichte der “Juden von Saaz”.
Das Hopfenmuseum
Das Hopfenmuseum (Chmelařské muzeum) ist das größte seiner Art weltweit. Das Museum befindet sich in originalen historischen Hopfenlagern und Trockenanlagen aus dem späten 19. Jahrhundert.

Wir waren von der abwechslungsreichen Ausstellung wirklich begeistert! Von der Geschichte des Saazer Hopfens über den Anbau und die Verarbeitung des “Grünen Golds” konnten wir eine abwechslungsreiche Ausstellung besuchen. Wer mehr darüber erfahren möchte, sollte den Beitrag “Hopfenmuseum Saaz: Eine Reise zum Ursprung des böhmischen Bieres” lesen.
Hopfen & Bier Tempel Saaz & der Hopfenleuchtturm
Direkt nebenan wartet der “Hopfen & Bier Tempel” (Chrám chmele a piva). Der Tempel ist ein riesiges, interaktives Erlebniszentrum rund um die Mythen des Bieres ist, wir uns dazu entschieden, “nur” den Hopfenleuchtturm zu erklimmen.
Die Eintrittskarte dazu gibt es im Hopfen & Bier Tempel zu kaufen. Es gibt zwei verschiedene Eintrittskarte: Fahrstuhl oder Treppen. Wir haben uns für die 200 Treppenstufen entschieden. Wer lieber mit dem Fahrstuhl fahren möchte, den erwartet bei der Fahrt eine einzigartige 3D-Projektion.

Oben erwartete uns ein großartiger Ausblick über die Stadt und die umliegenden Felder. Auf Tafeln konnten wir interessante Orte entdecken, die nicht nur mit der Stadtgeschichte, sondern auch mit dem Thema Hopfen zu tun hatten.


Die Hopfenuhr (Orloj)
Die Hopfenuhr (Chmelový orloj) ist ein absolutes Unikum und wahrscheinlich die humorvollste astronomische Uhr der Welt. Sie wurde 2010 von dem Kunstschmied Petr Podzemský gebaut,.

Das große Zifferblatt zeigt natürlich die Uhrzeit an. Aber statt der klassischen Tierkreiszeichen zeigt der Ring um das Zifferblatt die zwölf Monate des Jahres, speziell angepasst auf das Arbeitsjahr der Hopfenbauern (vom Pflanzen über das Schneiden bis hin zur Ernte im Spätsommer). Ein Zeiger markiert immer, in welcher Phase des Hopfenjahres man sich gerade befindet. Unter dem Zifferblatt sitzen bewegliche Figuren, die biertrinkende Männer darstellen, die das Ende der Hopfenernte (die Dočesná) feiern.

Über der Uhr befindet sich dder Himmel der Biertrinker, unten drunter gähnt die Hölle -genau so, wie Biertrinker sie sich wohl vorstellen. Dazwischen prangt groß der Spruch: “Memento Lupuli Saczensi Cereviseae” – was so viel bedeutet wie: “Gedenke des Bieres aus Saazer Hopfen!”

Die Uhr wird von einem modernen Uhrwerk im Inneren des Gebäudes angetrieben und erwacht zu jeder vollen Stunde zum Leben. Dann passiert folgendes:
- Der Sensenmann zieht an der Schnur und läutet seine Glocke, um die Stunde zu schlagen.
- Es öffnen sich zwei kleine Fensterchen. Aber statt der zwölf Apostel, die im Kreis rotieren (wie bei anderen Uhren), rotieren hier Spielkarten! Es sind Karten für das in Tschechien sehr beliebte Kneipenspiel Mariáš. Die klassische Kartenfarbe “Grün” (Blatt) wurde auf den Karten durch Hopfendolden ersetzt.
- Gleichzeitig setzen sich unten die Biertrinker in Bewegung, heben ihre Krüge und stoßen klirrend miteinander an.

Es ist ein kurzes, mechanisches Theaterstück, das einfach gute Laune macht und uns sehr gefallen hat.
Biermuseum
Das Biermuseum (Pivovarské muzeum) widmet sich der Geschichte der lokalen Brauereien. Man sieht historische Braukessel, alte Zapfanlagen, Kühlgeräte und historische Holzfässer. Es gibt eine riesige Sammlung von antiken Bierflaschen, Gläsern, historischen Emaille-Schildern und alten Bieretiketten aus der Region.

Das Museum wirft einen Blick auf die Geschichte der örtlichen Wirtshäuser und wie sich die Trinkkultur über die Jahrhunderte in Böhmen verändert hat.
Restaurant + Pivovar U Orloje
Der perfekte Abschluss für diesen Tag. Das Restaurant + Pivovar U Orloje liegt direkt am Hopfen- und Bier-Tempel (neben der Hopfenuhr). Hier wird das hauseigene Lagerbier gebraut. Dazu verwenden die Brauer klassische tschechische Rezepte der Brauschule und nur böhmisches und mährisches Malz. Der Hopfen kommt natürlich aus dem Anbaugebiet rund um die Stadt.

Wir konnten bei gutem Wetter im Biergarten sitzen, es gibt aber auch viele Plätze im Restaurant. Gegessen haben wir herzhaft und sehr gut. Meine Wahl fiel auf ein Gericht mit frittiertem Käse und Kartoffeln. Patrick entschied sich für ein typisch tschechisches Essen: Fleisch, Kloss, Kraut, Soße.

Das Bier hat uns sehr gut geschmeckt. Es war süffig und genau der richtige Einstieg für den Besuch des Hopfenfestes in der Stadt.

Veröffentlicht: 2. September 2026
Schreibe einen Kommentar