Eiskaltes Wasser in den Schuhen und eine leuchtend orangefarbene Latzhose, die drei Nummern zu groß ist – so hatte ich mir die Walbeobachtungstour in Tadoussac eigentlich nicht vorgestellt. Aber genau das ist das echte Erlebnis, wenn man sich für ein Zodiac entscheidet, um den Giganten des Sankt-Lorenz-Stroms nahe zu kommen. Tadoussac gilt weltweit als einer der besten Orte für Walbeobachtungen.
Vorbereitung: Mode-Sünden für den guten Zweck
Treffpunkt für die Walbeobachtungstour in Tadoussac ist an einer Hütte in der Nähe des Hafens. Dort trägt man sich zunächst in die Anwesenheitsliste ein und füllt die Einverständniserklärung aus. Diese wird zum Glück in mehreren Sprachen angeboten, so dass man auch versteht, was man unterschreibt.

Etwa 30 Minuten vor dem offiziellen Start hieß es Kleiderausgabe! Wir wurden kurz gemustert und erhielten dann eine riesige leuchtend orange Latzhose und eine noch größere orange Jacke. Mein Einwand, dass die Hosenbeine gut 15 cm zu lang seien, wurde mit einem wissenden Lächeln abgetan. Klar gibt es kleinere, dann aber auch engere Kleidung. Das sei aber während der Tour extrem unbequem und ich sollte das mal anbehalten – so die Antwort. Na gut, also Hosenbein hochkrempeln und an den Sinn glauben!

Wichtiger Hinweis zur Aufbewahrung: Vor Ort gibt es keine Depots. Wir haben alles Unnötige im Hotel gelassen und nur das Handy und die Kamera in wasserfeste Beutel direkt am Körper verstaut.
Nachdem alle angezogen waren ging es zum Hafen . Dort lagen das große Schiff auf dem auch Touren durchgeführt werden und das Zodiac am Anleger. Uns wurden Sitzplätze im Zodiac zugewiesen, die wir während der Walbeobachtungstour in Tadoussac nicht verlassen sollten. Dann hieß es auch schon Leinen los und wir erfuhren, dass wir noch weitere Passagiere auf der anderen Uferseite des Saguenay-Fjord in Sainte-Catherine abholen würden.

Das Zodiac-Abenteuer: Gischt inklusive
Schon auf dieser kurzen Fahrt zur anderen Abholstation war ich für die wasserdichte Kleidung dankbar. Der Wind hatte an diesem Tag die Wellen auf dem Sankt-Lorenz-Strom etwas größer werden lassen und so fuhr das Boot über die Wellenkämme und ließ das Wasser kräftig aufspritzen.

Nachdem die restlichen Gäste zugestiegen waren, erfuhren wir, wie die Walbeobachtungstour in Tadoussac ablaufen würde. Geplant ist immer eine Fahrt auf dem Strom in Richtung Küste. Dann wird eine Weile auf den Wasser getrieben und nach den Walen Ausschau gehalten. Hat man Glück und ein Meeressäuger zeigt sich, folgt das Boot ihm respektvollen Abstand eine Weile, damit man hoffentlich einige Sichtungen erleben kann. Je nach zeitlichem Ablauf kann dann noch ein kurzer Abstecher in den Saguenay-Fjord unternommen werden, wo man mit etwas Glück weitere Tiere erlebt.

Aber nun hieß es erstmal alles festhalten, wasserdicht verpacken und Kapuze aufsetzen. Etwa 20 Minuten heizte der Kapitän mit dem Zodiac über den Sankt-Lorenz-Strom. Das Wasser spritzte über die flache Bordwand. Meine Schuhe waren innerhalb kürzester Zeit vollkommen nass – gut, dass wir Ersatzschuhe im Hotel hatte (es hat doch tatsächlich 4 Tage gedauert, bis sie vollkommen trocken waren). Aber nicht nur die Füsse waren nass. Das Wasser suchte sich nach und nach einen Weg durch die “wasserdichte” Kleidung.


Als der Kapitän das Tempo verlangsamte guckte ich mich auf dem Fluss um. Es waren mehrere Zodiacs und ein große Walbeobachtungsschiff in der näheren Umgebung und trieben auf dem Wasser. Nun hieß es “Augen aufhalten” und die Wasseroberfläche beobachten. Die Walbeobachtungsboote nutzen keine Ortungsgeräte, um die Tiere zu entdecken. Also weiß keiner genau, ob wirklich ein Tier in der Nähe ist.
Meeresbiologie live: Das Unterwasser-Buffet von Tadoussac
In der Wartezeit erklärte uns ein Guide, warum die Wale genau hier zu beobachten sind und welche Wale überhaupt in den Strom schwimmen würden.
Dass die Wale so zahlreich in den Sankt-Lorenz-Strom (besonders bei Tadoussac) kommen, hat einen ganz praktischen Grund: Es ist ein riesiges Unterwasser-Buffet. An der Stelle, wo der Saguenay-Fjord in den Sankt-Lorenz-Strom mündet, gibt es eine enorme topografische Besonderheit: Der Boden des Sankt-Lorenz-Stroms steigt hier abrupt an.

Die kalten, salzhaltigen und sehr tiefen Strömungen aus dem Atlantik (der Labradorstrom) treffen auf dieses Hindernis und werden nach oben gedrückt. Diesen Vorgang nennt man Upwelling. Durch dieses Aufsteigen des Tiefenwassers werden riesige Mengen an Nährstoffen und Plankton an die Oberfläche befördert. Gleichzeitig bringt das Süßwasser des Saguenay-Fjords eine andere Temperatur und einen anderen Salzgehalt mit. Zusammen mit den Gezeiten entsteht eine Art Strömungsbarriere, die winzige Krebstierchen (Krill) und kleine Fische (wie Capelin oder Heringe) dort regelrecht gefangen hält. Für die Wale ist das so, als würde man sie in einen Raum voller Essen sperren.
Welche Wale kann man beobachten?
In den Gewässern rund um Tadoussac und im Sankt-Lorenz-Strom gibt es eine faszinierende Vielfalt an Walen. Man unterscheidet dabei meist zwischen den dauerhaften Bewohnern und den “Saisongästen”, die nur zum Fressen vorbeikommen.

Beluga (Weißwal)
- Status: Ganzjährig ansässig.
- Merkmale: Sie sind klein (bis 4,5 m), komplett weiß und haben keinen Rückenfinne.
- Besonderheit: Sie werden auch “Kanarienvögel der Meere” genannt, weil sie sehr gesprächig sind. Im Saguenay-Fjord leben sie in einer isolierten, bedrohten Population.
Zwergwal (Minke Whale)
- Status: Sehr häufig im Sommer und Herbst.
- Merkmale: Mit etwa 6 bis 9 Metern der kleinste der Bartenwale in dieser Region.
- Verhalten: Sie sind sehr flink und neugierig. Oft sieht man nur ihren dunklen Rücken kurz aus dem Wasser rollen.
Finnwal
- Status: Regelmäßiger Sommergast.
- Merkmale: Nach dem Blauwal das zweitgrößte Tier der Erde (bis zu 20 Meter lang!).
- Erkennung: Er hat eine sehr hohe, kräftige Fontäne und eine asymmetrische Färbung am Unterkiefer (rechts weiß, links dunkel). Er ist extrem schnell.
Buckelwal (Humpback Whale)
- Status: Der Liebling der Touristen.
- Merkmale: Bekannt für seine riesigen weißen Brustflossen.
- Verhalten: Er ist der “Showstar”. Buckelwale springen gerne und zeigen fast immer ihre beeindruckende Schwanzflosse, wenn sie tief abtauchen.
Blauwal
- Status: Seltener Gast, meist ab August/September.
- Merkmale: Das größte Tier, das jemals auf der Erde gelebt hat (bis zu 30 Meter).
- Erlebnis: Wenn ein Blauwal neben einem kleinen Zodiac auftaucht, merkt man erst, wie gigantisch er ist, sein Rücken scheint gar kein Ende zu nehmen.
Gelegentliche Besucher
- Schweinswale: Sehr klein, oft mit Delfinen verwechselt, aber sehr scheu.
- Blauhaie oder Riesenhaie: Manchmal lassen sich auch diese Meeresbewohner blicken.
Augen auf: Die erste Sichtung
Ich gebe zu, es war anfangs schon etwas langweilig auf das Wasser zu starren und NICHTS zu sehen. Man wusste ja auch nicht wohin man gucken sollte, das oder die Tiere konnten ja überall sein.

Dann setzte sich plötzlich ein Zodiac in Bewegung. Unser Kapitän ließ den Motor an und folgte mit etwas Abstand und dann hörte ich ein “look there” und jemand zeigte in eine Richtung. Das Wasser hatte sich etwas gekräuselt und tatsächlich sah man eine Luft-Wasser-Fontaine ganz leicht aufsteigen. Da war gerade ein Wal zum Atmen an die Wasseroberfläche hoch gekommen.

Nun wussten wir – mindestens ein Tier schwamm in unserer Nähe herum. Jetzt wurde das “auf das Wasser starren” etwas sinnvoller. Wir hatten eine ungefähre Vorstellung von dem, was uns erwartete. Und tatsächlich in der nächsten halben Stunde tauchte das Tier mehrfach zum Atmen auf und wir konnten sogar die Rückenflosse und den gesamten Rücken sehen.

Unser Guide konnte anhand der Flosse erkennen, dass es sich um einen Finnwal handelte. Habt ihr gewusst, wie lange Wale unter Wasser bleiben können? Wir mussten immer so um 5 Minuten warten, bis das Tier wieder auftauchte. Diese Walart soll aber auch bis zu 15 Minuten unter Wasser bleiben können.

Für mich war es ein unbeschreiblich schönes Erlebnis auch nur die Rückenflosse der Meeressäuger zu sehen. Klar hätte ich mir aus dem Wasser springende Tiere gewünscht, die man auch noch perfekt fotografieren kann. Aber die Möglichkeit zu haben überhaupt ein Tier zu sehen ist schon das ganze Wasser in den Schuhen wert gewesen.
Der ruhige Ausklang im Fjord
Nach einer Weile hieß es dann “Weiterfahrt” und es ging zurück zum Saguenay-Fjord. Dort fuhren wir zwischen den hohen Felswänden auf dem Wasser in Richtung Landesinnere. Kaum entfernten wir uns vom Sankt-Lorenz-Strom veränderte sich die Temperatur.

Es wurde wärmer, der Wind verschwand und es war sehr ruhiges Wasser. Auf einem von der Sonne etwas aufgeheizten Felsen entdeckten wir Seehunde. Unser Boot fuhr vorsichtig etwas näher. Die Tiere ließen sich nicht stören und schauten uns mit ihren großen runden Kulleraugen an.

Schließlich ging es zurück zum Hafen. Wir stiegen aus dem Boot aus und ich glaube, es war keiner dabei, der nicht zufrieden und glücklich war. Mit quietschenden nassen Schuhen liefen wir zurück zum Ausgangspunkt unserer Waltour in Tadoussac. Erst beim Ausziehen der “wasserdichten” Kleidung merkte ich, dass diese anscheinend nicht wirklich wasserdicht waren. Ich war nass bis auf die Haut. Gut dass unser Hotel nicht weit entfernt war und wir dort heiß duschen konnten.
Was für ein unbeschreiblich schönes Erlebnis!!!
Besucherinformationen
Adresse
Ticketbüros von Croisières AML
In Tadoussac (Hauptstandort)
Adresse: 177, rue des Pionniers, Tadoussac, QC G0T 2A0, Kanada
Wichtiger Hinweis: Das Zodiac-Boarding findet oft an der sogenannten “Cale sèche” (Trockendock) statt, die nur einen kurzen Fußweg vom Ticketbüro entfernt ist.
In Baie-Sainte-Catherine (Gegenüberliegende Seite)
Adresse: 159, Route 138 (auch bekannt als Route de la Grande Alliance), Baie-Sainte-Catherine, QC G0T 1A0, Kanada
Kleidung
Was soll ich anziehen?
Auch im Hochsommer ist es auf dem Wasser eiskalt (der Wind und das 4°C kalte Wasser!).
Trage unbedingt:
- Geschlossene, flache Schuhe (keine Sandalen!).
- Lange Hosen und einen warmen Pullover/Fleece.
Bekomme ich Schutzkleidung?
Ja, AML stellt jedem Gast wind- und wasserdichte Kleidung zur Verfügung. Schwimmwesten befinden sich an Bord.
Toiletten
Zodiacs haben keine sanitären Anlagen. Nutze die Toiletten am Hafen vor der Abfahrt!
FAQ
Ab wo geht es los?
Die Boote starten in Tadoussac oder in Baie-Sainte-Catherine auf der anderen Seite des Fjords. Checke dein Ticket genau!
Wann muss ich da sein?
Du solltest mindestens 45 Minuten vor Abfahrt am Ticketschalter sein. Das Boarding beginnt ca. 30 Minuten vorher.
Gibt es Altersbeschränkungen?
Ja, aus Sicherheitsgründen dürfen Kinder erst ab 6 Jahren auf das Zodiac.
Wer sollte nicht mitfahren?
Das Zodiac ist sportlich. Schwangeren sowie Personen mit Rücken- oder Nackenproblemen wird die Tour ausdrücklich nicht empfohlen, da es bei Wellengang recht holprig werden kann.
Was darf ich mitnehmen?
Kamera und Fernglas sind willkommen. Packe sie am besten in eine wasserfeste Tasche, da es im Zodiac spritzen kann. Essen und Alkohol sind an Bord nicht erlaubt.
Werden wir nass?
Es ist ein offenes Boot. Bei Wellen oder schneller Fahrt kann Gischt (Salzwasser) ins Boot spritzen.
Gibt es einen Guide?
Ja, bei den 60-Personen-Zodiacs ist oft ein zertifizierter Naturforscher dabei, der alles auf Englisch und Französisch erklärt. Bei den kleinen 24er-Booten übernimmt meist der Kapitän die Erklärungen.
Was passiert, wenn wir keine Wale sehen?
AML bietet eine “Wal-Garantie”. Sollten auf einer Tour tatsächlich gar keine Wale gesichtet werden, erhältst du ein Ersatzticket für eine spätere Tour (keine Geld-zurück-Garantie).
Wie lange dauert die Tour?
Es werden verschiedene Zodiac-Touren angeboten, die zwischen 2 und 2,5h dauern.
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