Ich stehe im Herzen von Utrecht auf dem Domplatz und etwas fühlt sich… seltsam an. Ich blicke zum Himmel und siehe einen gigantischen, gotischen Turm. Dann drehe ich mich um und sehe eine wunderschöne, gotische Kathedrale. Doch zwischen ihnen klafft eine riesige, offene Lücke. Was man hier am Dom in Utrecht sieht, ist kein Planungsfehler. Es ist die Folge einer Katastrophe, die das Wahrzeichen der Stadt für immer entzweit hat.
Der Domplatz: Ein historischer Nullpunkt
Um zu verstehen, was hier passiert ist, müssen wir in die Tiefe gehen – buchstäblich. Der Spaziergang über den Domplatz führt über den Geburtsort von Utrecht. Genau hier legten die Römer um 47 n. Chr. den Grundstein für die Stadt: das Kastell “Traiectum”.
Auf diesen Ruinen ließ der fränkische König Dagobert im 7. Jahrhundert eine erste Kirche errichten. Ein verheerender Stadtbrand im Jahr 1253 zerstörte den Nachfolgebau, eine imposante romanische Kathedrale, und machte Platz für ein Projekt von beispiellosem Ehrgeiz.

Man begann 1254 mit dem Bau einer neuen Kathedrale im hochmodernen französischen Gotik-Stil. Fast 70 Jahre später, 1321, startete man ein separates Projekt: den Domturm.
Ein Tag, der alles veränderte
Am 1. August 1674 trifft ein verheerender Sturm, ein Orkan, auf Utrecht. Der schwächste Punkt der gewaltigen Kathedrale hält den Naturgewalten nicht stand. Das Langhaus in der Mitte war aus chronischem Geldmangel nie richtig vollendet worden. Mit einem ohrenbetäubenden Krachen kollabiert das gesamte Mittelschiff. Als sich der Staub legt, ist die Kirche vom Turm getrennt. Für immer.
Tipp für Geschichts-Fans: Über 150 Jahre lang ließ man die Trümmer einfach liegen. Erst 1826 wurde der Schutt geräumt und der heutige Domplatz entstand. Wer genau hinschaut, sieht heute dunkle Pflastersteine auf dem Platz: Sie markieren den Grundriss des zerstörten Mittelschiffs.

Der Gigant – Der Aufstieg auf den Domturm
Der zwischen 1321 und 1382 erbaute Domturm ist mit einer Höhe von 112,32 Metern (nach Restaurierungen auf 112,5 Meter erhöht) der höchste Kirchturm der Niederlande. Der Turm besteht aus zwei massiven quadratischen Blöcken, auf denen eine deutlich leichtere, achteckige Laterne ruht.
Der Glockenturm beherbergte die private Kapelle des Bischofs von Utrecht und diente als Wohnung für den Turmwächter.

Den Turm kann man bei einer Führung besichtigen. Über 465 Stufen steigt man hinauf. Dabei kommt man auch an der Glockenstube vorbei. Das Hauptgeläut besteht aus 14 Glocken mit einem gewaltigen Gesamtgewicht von 32.000 kg. Sie werden bis heute von der Gilde der Utrechter Glockenläuter (Utrecht Klokkenluiders Gilde) von Hand geläutet. Beeindruckend ist auch das Hemony-Carillon. Das Glockenspiel wurde im 17. Jahrhundert von den berühmten Gebrüdern Hemony gegossen und verfügt heute über 50 Glocken.
Leider waren wir nicht lange genug in der Stadt, um den Domturm zu erklimmen. Die Aussicht von dort oben soll aber toll sein. Das werden wir wohl bei unserem nächsten Besuch einplanen!
Der Überlebende – Dom in Utrecht
Wir betreten das, was von der Kathedrale übrig geblieben ist: der Dom in Utrecht. Sie ist heute nur noch ein Fragment. Im Grunde steht man „nur“ im Chor und im Querschiff. Was wir hier sehen gefällt uns ausgesprochen gut.
Der Bau der Kirche begann 1254 und die ursprünglichen Pläne sahen eine gewaltige Kathedrale von 119 Metern Länge vor, mit einer Gewölbehöhe von 31,5 Metern.

Auf einen Tipp hin achte ich auf die Statuen in der Kirche. Viele Gesichter sind brutal abgeschlagen. Das waren die Zerstörungen des Bildersturms (1580), als Protestanten im Zuge der Reformation unersetzliche Kunstwerke zerschlugen.

Versteckte Highlights im Dom in Utrecht:
- Man findet hier das Grabmal des Admirals Willem Joseph van Ghent (†1672) und auch kaiserliche Gedenksteine. Im Hochchor sollte man auf unscheinbare Bodenfliesen aus dem 15. Jahrhundert achten. Diese erinnern daran, dass die Herzen und Eingeweide der Kaiser Konrad II. (†1039) und Heinrich V. (†1125) hier bestattet wurden.
- Im Chorumgang befindet sich auch ein seltenes und kunstvolles Heiliges Grab aus dem Jahr 1501. Es zeigt den Leichnam Christi, umgeben von Engeln und Wächtern.
- Besucher, die den Blick heben, können 30 Meter über sich im Gewölbe des Chors meisterhaft geschnitzte Schlusssteine entdecken. Diese für das bloße Auge fast unsichtbaren Kunstwerke zeigen himmlische Szenen, wie Jesus, der seine Mutter Maria krönt.

Der verborgene Pandhof (Klostergarten)
Eingebettet zwischen der Domkerk und dem der Aula der Universität Utrecht liegt der Pandhof, einer der schönsten und zugleich verborgensten Orte der Stadt.

Dieser ehemalige Klostergarten ist einer der schönsten Innenhöfe der Niederlande. Er wird vollständig von einem wunderschönen, reich verzierten gotischen Kreuzgang umschlossen. Der ehemalige Kreuzgang ist frei zugänglich.

Unser Genuss-Tipp: Das Domcafé
Direkt in der Kirche befindet sich das Domcafé. Wir haben hier an einem Tisch mit dem wunderschönen Pandhof gesessen und einen Kaffee getrunken.
Unser Tipp: Probiere unbedingt das kleine “Domtörtchen”. Es sieht nicht nur mit dem Schoko-Dom obenauf großartig aus – die Creme im Inneren ist ein Traum!

Unser Zusatztipp: Besuch von DOMunder
Ein echtes Highlight, das wir besuch haben ist DOMunder. Mitten auf dem Domplatz kann man mit einer Taschenlampe in den Untergrund steigen. Dort entdeckt man die 2000 Jahre alte Geschichte Utrechts, von den Römern bis zum zerstörten Mittelschiff. Unbedingt vorbuchen!
Weitere Infos gibt es in unserem Beitrag „Warum DOMunder in Utrecht meine coolste Zeitreise war“.
Besucherinformationen
Öffnungszeiten
Öffnungszeiten Domkirche
April – Oktober:
Montag–Freitag: 10–17 Uhr
Samstag: 10–15:15 Uhr
Sonntag: 12:30–17 Uhr
November – März:
Montag–Freitag: 11–16 Uhr
Samstag: 11–15:15 Uhr
Sonntag: 12:30–16 Uhr
Öffnungszeiten Domturm
Der Turm ist ganzjährig geöffnet, kann aber ausschließlich im Rahmen einer geführten Tour bestiegen werden. Ein individuelles Betreten ist nicht möglich.
Öffnungszeiten Pandhof
Der Garten ist in der Regel täglich von ca. 10-16 Uhr geöffnet. Da der Garten zur Universität gehört, ist er an bestimmten universitären Feiertagen (z.B. Dies Natalis, 26. März) und anderen nationalen Feiertagen (z.B. Königstag, 27. April) für die Öffentlichkeit geschlossen.
Eintrittspreise
Eintritt Kirche
Der Eintritt in die Kirche ist frei; eine Spende für den Erhalt des Gebäudes wird jedoch erbeten.
Führungen: Es finden tägliche Führungen statt (Dauer ca. 1 Stunde, Kosten ca. 10,- € für Erwachsene
Eintritt Domturm
Erwachsene: ca. 13,50 € – 14,50 €
Eine Vorausbuchung wird dringend empfohlen. Tickets sind online über die offizielle Website oder direkt im VVV-Touristeninformationszentrum (Utrecht Winkel) am Domplein 9 erhältlich
Eintritt Pandhof
Der Besuch des Pandhofs ist kostenlos.
Barrierefreiheit
Domkirche
Die Domkerk ist für Besucher mit eingeschränkter Mobilität, Rollstühlen oder Elektromobilen sehr gut zugänglich. Lediglich der Hochchor und zwei kleine Seitenkapellen sind nicht barrierefrei zugänglich. Die Kirche verfügt über ein Behinderten-WC und eine Ringleitung (Hörschleife) für Schwerhörige. Assistenzhunde sind gestattet.
Turmbesteigung
Standard-Tour: Diese Tour ist aufgrund der 465 Stufen nicht barrierefrei und für Personen mit eingeschränkter Mobilität oder Rollstuhlfahrer gänzlich ungeeignet.
Turmbesteigung Gepäck
Die Mitnahme von (Hand-)Taschen, Rucksäcken etc. ist im Turm nicht gestattet. Am Startpunkt (VVV) stehen kostenlose Schließfächer zur Verfügung.
Sprache
Die Standardführungen werden auf Niederländisch und Englisch angeboten.
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