München – für viele die Stadt des Oktoberfests, der prächtigen Architektur und der bayerischen Gemütlichkeit. Doch die Stadt hat auch eine andere, düstere Seite.
München war die Keimzelle und das ideologische Zentrum der NS-Diktatur. In dieser Stadt gründete sich 1919/20 die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP) und dort war auch bis 1945 der offizielle Sitz. In München begann die politische Karriere von Adolf Hitler und vieler anderer politischer Akteure dieser Zeit. Diese Geschichte ist bis heute im Stadtbild sichtbar, wenn man weiß, wo man hinschauen muss.
Wir wollten uns dieser Vergangenheit stellen und die Orte erkunden, die von dieser Zeit zeugen. Es gibt zwar einen offiziellen “ThemenGeschichtsPfad”, doch wir haben uns entschieden, unsere eigenen Wege zu gehen. Unsere Touren sind thematisch etwas anders konzipiert. Sie orientieren sich an Aufstieg, Herrschaft, Verbrechen,Widerstand. Die Tourlängen liegen bei 1,0 bis 2,0 Stunden. Ein Großteil der Strecken kann man zu Fuß erkunden.
Das Parteienviertel am Königsplatz
Diese Tour führt uns direkt ins Herz der Finsternis, zum damaligen administrativen und ideologischen Zentrum der NS-Bewegung.
- Dauer: ca. 1,5 – 2 Stunden
- Route: Zwischen Karolinenplatz und Königsplatz
NS-Dokumentationszentrum – Ein Ort, der unter die Haut geht
Ein schlichter Betonbau, viel Glas und optisch eigentlich so garnicht passend für die Gegend, in der prachtvolle Villen und imposante Bauten stehen, das ist das NS-Dokumentationszentrum München.

Genau hier, an der Brienner Straße 34, stand einst das “Braune Haus”, die Parteizentrale der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP). Die Partei hatte, nachdem ihre Räume zu klein geworden waren, den repräsentativen klassizistischen Bau gekauft und zog 1930 dort ein.
Aus dem Palais Barlow wurde nach einigen Umbauten ein modernes Bürogebäude mit zahlreichen Verwaltungsbüros und repräsentativen Räumen für die Parteiführung. Das “Braune Haus” entwickelte sich zum symbolischen Herz der Bewegung.

Bei alliierten Bombenangriffen im Januar 1945 wurde das Gebäude schwer beschädigt und 1947 trug man die Ruine vollständig ab. Nachdem das Gelände jahrelang ungenutzt geblieben war, entschied man sich dort das Dokumentationszentrum zu errichten.
Die Dauerausstellung “München und der Nationalsozialismus” ist kostenfrei und erstreckt sich über mehrere Etagen. Man beginnt oben und arbeitet sich chronologisch nach unten durch. Die Ausstellung geht den beklemmenden Fragen auf den Grund: Warum ausgerechnet München? Wie konnte aus einer radikalen Splittergruppe eine Massenbewegung werden? Ein besonderer Fokus liegt auf der Rolle Münchens als “Hauptstadt der Bewegung”.

Mich hat der Besuch sehr beeindruckt und nachdenklich gestimmt. Die Ausstellung präsentiert großformatige Schwarz-Weiß-Fotografien, Dokumente und Texte. Ich konnte Biografien von Tätern, Opfern und Mitläufern lesen, die bei mir einen beklemmenden Einblick in die Funktionsweise des NS-Staates und die schrittweise Ausgrenzung, Verfolgung und Ermordung von Juden, politischen Gegnern und anderen Minderheit hinterließ.
Sehr interessant war der Bereich der Ausstellung, der sich mit dem schwierigen Umgang mit der NS-Vergangenheit nach 1945 beschäftigt.
Für uns war der Besuch der perfekte, tiefgründige Auftakt für unseren anschließenden Rundgang.

Unser persönlicher Tipp:
Es gibt regelmäßig kostenlose öffentliche Führungen. Wir haben einer Gruppe eine Weile zugehört und waren beeindruckt. Der Guide hat es geschafft, die komplexen Themen spannend, kurzweilig und interaktiv zu vermitteln. Die Termine findet ihr auf der Webseite.
Besucherinformationen
- Adresse: NS-Dokumentationszentrum München, Max-Mannheimer-Platz 1, 80333 München
- Anfahrt: Das Dokumentationszentrum ist zentral gelegen und hervorragend mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen. Die U-Bahn-Station “Königsplatz” (Linie U2) befindet sich in unmittelbarer Nähe.
- Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag von 10:00 bis 19:00 Uhr. Montags ist geschlossen.
- Eintritt: Der Eintritt in die Dauer- und Sonderausstellungen ist kostenfrei.
- Barrierefreiheit: Das gesamte Gebäude ist barrierefrei zugänglich.
Vom Musentempel zur Aufmarschbühne: Der Königsplatz
Rund um den Königsplatz wurde im 19. Jahrhundert unter dem bayerischen Kronprinzen und späteren König Ludwig I. griechisch-klassizistischer Bauten errichtet. Mit der Glyptothek, den Staatlichen Antikensammlungen und den Propyläen sollte ein Zentrum für Kunst und Kultur entstehen. Die großzügigen Grünflächen luden zum Verweilen ein.

Wenn man heute über den weitläufigen Königsplatz schlendert, umgeben von prächtigen klassizistischen Bauten, kann man sich kaum vorstellen, wie dieser Ort einst missbraucht wurde.
Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 änderte sich der Charakter des Platzes grundlegend. Sie entfernten die Grünflächen und pflasterten den gesamten Platz mit 20.000 Granitplatten zu. Es entstand ein riesiger, steinerner Aufmarschplatz für Paraden und propagandistische Kundgebungen. Die klassizistischen Museen dienten fortan als bloße Kulisse für die Inszenierung der NS-Macht.

Direkt an der Brienner Straße, wurden zwei “Ehrentempel” errichtet. In diesen offenen, säulengestützten Bauten wurden die Sarkophage der 16 Nationalsozialisten aufgebahrt, die beim Hitlerputsch 1923 ums Leben gekommen waren. Vor den Tempeln stand eine ständige SS-Ehrenwache.
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs begann die Entnazifizierung des Platzes. Die amerikanische Militärregierung ordnete die Sprengung der beiden “Ehrentempel” an, um jede zukünftige Nutzung als Kultstätte zu unterbinden. Die Sarkophage waren bereits zuvor entfernt und die Leichname auf Münchner Friedhöfen anonym bestattet worden. Die Fundamente sind bis heute vorhanden und sichtbare Zeugen der Zeit.
Die Zwillingsbauten der Macht: “Führerbau” und Verwaltungsbau
An der Ostseite des Königsplatzes, symmetrisch angeordnet, stehen zwei fast identische, monumentale Gebäude, die von Hitlers Architekt Paul Ludwig Troost entworfen wurden.
Der nördliche Bau befindet sich heute in der Arcisstraße 12. Es wird als “Führerbau” bezeichnet, da es Hitler als persönliches Arbeits- und Repräsentationsgebäude in München diente.

1938 unterzeichnete man hier das Münchner Abkommen. Dieses Abkommen besiegelte die Abtretung des Sudetenlandes an das Deutsche Reich. Damit war für die NS-Regierung der Weg zur weiteren Expansion geebnet.
Der südliche Bau in der Katharina-von-Bora-Straße 10 ist baugleich. Hier befanden sich verschiedene Parteidienststellen und die zentrale Mitgliederpartei der NSDAP.

Wie durch ein Wunder überstanden beide Gebäude den Krieg fast unbeschadet. Eine Ironie der Geschichte: Die US-Militärregierung nutzte sie nach 1945 als “Central Collecting Point”, um die von den Nazis in ganz Europa geraubte Kunst zu sammeln und an ihre rechtmäßigen Besitzer zurückzugeben. Heute sind hier die Hochschule für Musik und Theater sowie das Zentralinstitut für Kunstgeschichte untergebracht.
Vom Putsch zur Machtergreifung – Altstadtrundgang
Dieser Weg führt Sie nicht nur zu historischen Orten, sondern auch zu den sichtbaren und unsichtbaren Narben, die der Nationalsozialismus im Herzen Münchens hinterlassen hat. Es ist eine Spurensuche, die vom aufkeimenden Hass im Hofgarten über die brutale Machtübernahme am Marienplatz bis zum stillen Gedenken führt.
- Dauer: 1 – 1,5 Stunden
- Gebiet: Altstadt
Marienplatz – Altes und Neues Rathaus
Der Marienplatz galt seit jeher als das bürgerliche und politische Zentrum Münchens. Hier, wo heute das Leben tobt, wurde am 9. März 1933 die Freiheit mit Füßen getreten.

Wenige Wochen nach Hitlers Ernennung zum Reichskanzler besetzten Einheiten der SA das Neue Rathaus. Den demokratisch gewählte Oberbürgermeister zwang man zum Rücktritt und hisste unter dem begeisterten Jubel der Anhänger die Hakenkreuzfahne auf dem Rathausturm. Dieser symbolische Akt markierte für alle sichtbar den Beginn der Diktatur in München.
Das Alte Rathaus, das sich ebenfalls am Marienplatz befindet, war am 9. November 1938 Schauplatz eines Ereignisses mit reichsweiten Folgen. An diesem Tag hatte sich die NS-Führung hier versammelt, um des gescheiterten Hitlerputsches von 1923 zu gedenken. Sie erreichte die Nachricht vom Tod eines deutschen Diplomaten in Paris, der von einem jungen Juden erschossen worden war.
Propagandaminister Joseph Goebbels nutzte dies als Vorwand für eine hasserfüllte Hetzrede gegen die jüdische Bevölkerung. Seine Worte waren der Funke, der eine Orgie der Gewalt entfesselte: die Reichspogromnacht. In dieser Nacht brannten in ganz Deutschland die Synagogen, wurden Existenzen vernichtet und unzählige jüdische Mitbürger gedemütigt, misshandelt oder ermordet. Hier im Alten Rathaus wurde der Hass zur staatlichen Parole.

Feldherrnhalle und Odeonsplatz
Die Feldherrnhalle am Odeonsplatz wurde ursprünglich 1844 als Denkmal für die bayerische Armee errichtet. Die Nationalsozialisten deuteten diesen geschichtsträchtigen Ort für ihren eigenen Gründungsmythos um.
Genau hier scheiterte am 9. November 1923 der dilettantische Putschversuch Hitlers in einem kurzen, aber blutigen Feuergefecht mit der bayerischen Landespolizei.

Nach der Machtergreifung 1933 stilisierten die Nationalsozialisten die getöteten Putschisten zu “Blutzeugen der Bewegung”. An der Ostseite der Feldherrnhalle wurde eine Gedenktafel mit ihren Namen angebracht, vor der eine ständige SS-Ehrenwache stand. Jeder Passant war verpflichtet, die Tafel mit dem Hitlergruß zu ehren.
Viscardigasse
Die kleine, unscheinbare Gasse hinter der Feldherrnhalle, die heute offiziell Viscardigasse heißt, wurde im Volksmund schnell als “Drückebergergasse” bekannt.
Viele Münchner Bürger, die den NS-Kult um die “Märtyrer” an der Feldherrnhalle ablehnten, nutzten diesen Schleichweg, um die Gedenktafel und die damit verbundene Zwangsehrung durch den Hitlergruß zu umgehen. Diese stille Form des Protests und der Verweigerung war zwar eine kleine, aber dennoch mutige Geste des zivilen Ungehorsams in einer Zeit, in der offener Widerstand lebensgefährlich war.
Hofgarten
Der nahegelegene Hofgarten war nicht nur ein beliebter Ort zur Erholung, sondern auch ein Schauplatz früher politischer Agitation.

Bereits in den frühen 1920er Jahren hielten hier unter den alten Bäumen verschiedene politische Gruppierungen, darunter auch die noch unbedeutende NSDAP, ihre Versammlungen und Reden ab. Hitler selbst sprach hier mehrfach vor kleinen Gruppen und versuchte, neue Anhänger für seine radikalen Ideen zu gewinnen.
Platz der Opfer des Nationalsozialismus
Nach all den Orten der Täter führt uns der Weg nun an einen Ort der Stille und der Mahnung. Seine Lage ist kein Zufall, sondern eine Anklage: Er befindet sich in unmittelbarer Nähe zum ehemaligen Wittelsbacher Palais, der Schaltzentrale des Terrors, der Münchner Gestapo-Zentrale.

Herzstück des Denkmals ist eine Granitstele, in die eine ewige Flamme eingelassen ist. Diese Flamme brennt Tag und Nacht und ist durch ein Gitter aus Bronze geschützt.
- Symbolik der Flamme: Die ununterbrochen brennende Flamme steht für das ewige Gedenken an die Opfer. Sie symbolisiert das menschliche Leben, die Seele und die Hoffnung.
- Symbolik des Gitters: Das Bronzegitter, das die Flamme umschließt, kann als Symbol für die Gefangenschaft, die Unterdrückung und die Gewalt des NS-Regimes interpretiert werden. Gleichzeitig zeigt es, dass das Licht der Menschlichkeit selbst im “Gefängnis” der Diktatur weiterleuchtet.
Hinter der Stele mit der Flamme wurde im Zuge der Neugestaltung eine lange, niedrige Bronzetafel in den Boden eingelassen. Sie trägt die schlichte und doch allumfassende Inschrift: “Im Gedenken an die Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft”
Diese bewusst allgemein gehaltene Widmung schließt alle Opfergruppen mit ein – Juden, Sinti und Roma, politisch Verfolgte, Homosexuelle, Zeugen Jehovas, Menschen mit Behinderung, sogenannte “Asoziale” und alle anderen, die dem Rassenwahn und der Verfolgung des Regimes zum Opfer fielen.
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