In Sachsen gibt es eine kleine Stadt, die einst die ganze Welt mit feinsten Handschuhen, Strümpfe und Strumpfhosen belieferte. In Limbach-Oberfrohna wurde diese Geschichte wahr – und sie begann mit einem einzigen Mann: Johann Esche.
Die Esche-Story beginnt
Es war im frühen 18. Jahrhundert. Johann Esche, ein brillanter Tüftler, schaffte das Unmögliche. Er baute heimlich einen hochmodernen englischen Wirkstuhl nach – damals ein streng gehütetes Staatsgeheimnis. Mit diesem Geniestreich startete er 1719 seine Seidenstrumpf-Manufaktur und legte den Grundstein für eine Dynastie, die Sachsen zum Zentrum der deutschen Textilindustrie machen wird.
Volldampf voraus in die Weltspitze
Generationen später zündete sein Nachfahre Traugott Reinhold Esche die nächste Stufe der Firmenentwicklung. Mit seiner Fabrikgründung 1854 katapultierte er das Familienunternehmen ins Industriezeitalter. Wo früher in kleinen Stuben gewerkelt wurde, ratterten und zischten nun dampfbetriebene Maschinen.

Die Esche-Werke waren der Motor einer ganzen Region. Während die Strumpfherstellung das Kerngeschäft bleibt, entwickelt sich die Region zum Spezialisten für ein weiteres feines Produkt: den Stoffhandschuh. Limbach-Oberfrohna wurde zur „Welthauptstadt des Handschuhs“ und exportiert massenhaft in die USA. Die Stadt boomte, bekam einen Bahnhof und gründete 1869 sogar die weltweit erste Fachschule für Wirkerei, um die technologische Spitze zu verteidigen.
ESDA: Die Strumpf-Ikone der DDR
Nach dem Zweiten Weltkrieg änderte sich alles. Die Familie Esche wurde enteignet, und ihre Fabrik Teil der DDR-Planwirtschaft. Doch hier begann ein neues, legendäres Kapitel: Die Anlagen bildeten das Herzstück des berühmten VEB Strumpfkombinat ESDA.

Wer in der DDR aufwuchs, kennt den Namen. Millionen von Strümpfen und den ikonischen „Dederon-Strumpfhosen“ hat man hier produziert. Die Esche-Fabrik versorgte nicht nur die DDR, sondern den gesamten Ostblock und wurde so zum Synonym für Strumpfwaren schlechthin.
Mit dem Fall der Mauer 1989 kam das endgültige Aus. Gegen die globale Konkurrenz hatte die veraltete Fabrik keine Chance. Die Produktion wird stillgelegt, die Maschinen verstummten. Eine fast 300-jährige Ära schien für immer vorbei.
Ein Denkmal erwacht zu neuem Leben
Doch die Geschichte ist noch nicht zu Ende und die Erinnerungen gerettet. Nach jahrelanger Restaurierung eröffnete im Mai 2011 in den historischen Hallen das Esche-Museum.

Wo Maschinen tanzen und Fäden die Zukunft spinnen
Das Museumsgebäude selbst ist das zentrale Exponat. Für eine Fabrik hat das Gebäude einen recht ungewöhnlichen Aufbau. Das Erdgeschoß ist eine große Halle, die mit riesigen Maschinen vollgestellt ist. Ungewöhnlich ist eine umlaufende Empore, wie man sie eher aus Kirchen kennt. Auch hier fanden einst einige der Arbeitsschritte der Produktion statt und heute gehört dieser Bereich ebenfalls zum Museum.
Die Dauerausstellung führt mich auf eine Reise von der handwerklichen Heimarbeit bis zu riesigen Textilmaschinen. Das Herzstück der Sammlung ist eine Kollektion von Handwirkstühlen aus dem 18. und 19. Jahrhundert.

Mein Tipp: Warten, bis die Maschinen erwachen!
Besucht die Ausstellung am besten, wenn die historischen Maschinen vorgeführt werden. Erst wenn die Maschinen rattern, wird so richtig deutlich, wie hier einst Handschuhe und Strümpfe entstanden.
In der Haupthalle stehen Reihen von gusseisernen Maschinen, schwarz und imposant. Als sich eine der riesigen Maschinen in Bewegung setzte, spürte ich die Vibrationen im Holzboden unter meinen Füßen. Ein lautes, rhythmisches Klackern und Stampfen erfüllte die Halle. Hunderte von Fäden tanzten im Takt.

Ich gehe weiter und entdecke die verschiedenen Stationen der Produktion. Maschinen zum Spulen, Wirken und Nähen. An den Wänden hängen alte Fotos, die Arbeiterinnen und Arbeitern zeigen, die an genau diesen Maschinen standen.
MALIMO: Die textile Revolution aus der DDR
Die Geschichte von Heinrich Mauersberger und seiner revolutionären MALIMO-Nähwirktechnologie ist ein wichtiger Bestandteil der Ausstellung.
Hinter MALIMO verbirgt sich eine textile Technologie, die weder Weben noch Stricken im klassischen Sinne ist. Es handelt sich um eine Technologie, bei der textile Flächen durch das systematische Vernähen oder Verketten von Fäden oder Fasern hergestellt werden. Entwickelt wurde dieses Verfahren in der Nachkriegszeit in der DDR.

Das Verfahren ermöglichte eine massenhafte, kostengünstige Produktion von Textilien für den heimischen Markt und den Export. MALIMO-Handtücher, -Geschirrtücher oder -Gardinen fanden sich in nahezu jedem Haushalt und sind heute Erinnerungsstücke an den DDR-Alltag.
Glanz und Gloria: Die Welthauptstadt des Handschuhs
In einem Bereich der Ausstellung dreht sich alles um die Blütezeit, als Limbach-Oberfrohna die „Welthauptstadt des Handschuhs“ war. Vor dem Ersten Weltkrieg beherrschte die Stadt den Weltmarkt; bis zu 60 Prozent der edlen Stoffhandschuhe wurden allein in die USA exportiert. Auch hier zeigen Schautafeln und natürlich die verschiedenen Maschinen, wie einst die Produktion ablief.

Von der Vergangenheit in die Zukunft: Das Esche Lab
Das Esche-Museum blickt nicht nur zurück, sondern gestaltet aktiv die Zukunft der Textilkunst. Das Herzstück dieser modernen Ausrichtung ist das Esche Lab, eine kreative Werkstatt im dritten Obergeschoss des Museums.

Das Lab gibt es erst seit Anfang 2025. Es ist ein offener Ort für Experimente in den Bereichen Stricken, Sticken und Konfektion. Hier können Besucher, Designer und Künstler eigene Ideen entwickeln und direkt in gestrickte Stoffe oder fertige Einzelstücke umsetzen.
Ausgestattet mit modernen Geräten wie einer Doppel-Flachstrickmaschine und Nähmaschinen, bietet das Lab Raum für Workshops und kreative Treffen.

Bei meinem Besuch im Museum konnte ich das Esche Lab nicht nur besuchen, sondern auch ausprobieren. Mit etwas Stoff, einem Rohling und einer Button-Maschine entstand mein eigener Esche-Button, der mich an einen spannenden und abwechslungsreichen Besuch erinnert.
Besucherinformationen
Adresse
Sachsenstraße 3,
09212 Limbach-Oberfrohna
Anfahrt
Mit dem Auto
Autobahn A4 (Abfahrten Wüstenbrand oder Limbach-Oberfrohna) oder die A72 (Abfahrten Chemnitz-Röhrsdorf oder Hartmannsdorf).
Parken
Kostenlose Parkmöglichkeiten befinden sich direkt in der Sachsenstraße sowie am Johannisplatz und in der Helenenstraße.
Öffnungszeiten
Dienstag – Freitag & Feiertage: 12:30–17 Uhr
Samstag – Sonntag: 11–17 Uhr
Das Museum ist am 24.12., 25.12., 31.12. und 01.01. geschlossen. An anderen Feiertagen ist es von 12:30 bis 17:00 Uhr geöffnet.
Eintrittspreise
Erwachsene: 4,00 €
Barrierefreiheit
Das Esche-Museum ist in hohem Maße barrierefrei. Alle Ausstellungsbereiche sind für Rollstuhlfahrer zugänglich, und die Wege sind entsprechend gestaltet.
FAQ
Werden Führungen angeboten?
Ja, kostenpflichtige Führungen werden für Gruppen angeboten.
Kann ich die historischen Maschinen in Betrieb sehen?
Ja, die Vorführung der funktionstüchtigen Maschinen ist ein besonderes Highlight des Museums. Die Termine für die Maschinenvorführungen finden Sie auf der offiziellen Webseite des Museums.
Ist das Fotografieren erlaubt?
Ja, das Fotografieren für private Zwecke ist im Museum gestattet.
Gibt es Einrichtungen wie einen Museumsshop oder ein Café?
Das Museum verfügt über einen Museumsshop, eine Garderobe und Schließfächer. Es gibt jedoch kein Museumscafé.
Der Besuch fand im Rahmen einer Pressereise statt.
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